Pflegemodell nach Roper, Logan und Tierney einfach erklärt

Praxisnahe Erklärung des Roper-Logan-Tierney-Modells mit 12 Lebensaktivitäten zur Pflegeplanung und Dokumentation.
Das Pflegemodell nach Roper, Logan und Tierney hilft Ihnen, den Unterstützungsbedarf von Bewohnerinnen und Bewohnern anhand von 12 Lebensaktivitäten einzuschätzen. Für die stationäre Langzeitpflege steht dabei im Mittelpunkt: Was gelingt selbstständig, welche Hilfe ist nötig und was möchte die Person selbst übernehmen?
Ich zeige Ihnen, wie Sie das Modell als Denkrahmen für Ihre Pflegeplanung nutzen und Fähigkeiten, Wünsche und Maßnahmen miteinander verknüpfen. Es ersetzt weder den Pflegeprozess noch die Dokumentationsvorgaben Ihrer Einrichtung.
Ursprung und 5 Hauptkonzepte des Modells
Das Modell erschien 1980 in The Elements of Nursing. Es betrachtet Pflege im Alltag und richtet den Blick nicht allein auf Diagnosen.[2][3]
Die fünf Hauptkonzepte sind die 12 Lebensaktivitäten, die Lebensspanne, das Abhängigkeits-Unabhängigkeits-Kontinuum, die fünf Einflussfaktoren und die Individualität.[1][2][3] Das Kontinuum beschreibt dabei den Übergang zwischen Abhängigkeit und Unabhängigkeit.
Individualität bedeutet, dass jeder Mensch die Lebensaktivitäten unter seinen persönlichen Bedingungen gestaltet. Für Ihre Pflegeplanung betrachten Sie deshalb Fähigkeiten, Hilfebedarf und persönliche Bedingungen gemeinsam.[1][2]
Im nächsten Abschnitt werden die 12 Lebensaktivitäten einzeln eingeordnet.
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Die 12 Lebensaktivitäten
Die 12 Lebensaktivitäten beschreiben miteinander verbundene Bereiche des täglichen Lebens. Sie strukturieren die Pflegeanamnese und bilden eine Grundlage für Pflegeplanung und Dokumentation. Dabei erfassen Sie für jede Aktivität die Ressourcen, Einschränkungen und den Hilfebedarf der Bewohnerinnen und Bewohner.
Die deutschen Bezeichnungen unterscheiden sich je nach Übersetzung. Die Tabelle nutzt gängige, teils alltagsnah formulierte Bezeichnungen des Roper-Logan-Tierney-Modells.
| Nr. | Lebensaktivität | Worauf Sie achten |
|---|---|---|
| 1 | Für eine sichere Umgebung sorgen | Erkennt die Person Gefahren? Prüfen Sie Gefahrenquellen, Hilfsmittel und den Aufsichtsbedarf. |
| 2 | Kommunizieren | Wie äußert die Person Wünsche – verbal oder nonverbal? Beachten Sie Hör- und Sehbeeinträchtigungen sowie Hilfen zur Verständigung. |
| 3 | Atmen | Beobachten Sie Atmung, Husten und Abhusten. Erfassen Sie Einschränkungen und Unterstützungsbedarf, etwa bei der Positionierung. |
| 4 | Essen und Trinken | Welche Schritte gelingen selbstständig? Prüfen Sie Appetit, Kauen, Schlucken und den Umgang mit Besteck und Trinkgefäßen. |
| 5 | Ausscheiden | Kann die Person die Toilette erreichen und nutzen? Erfassen Sie Blasen- und Darmfunktion, Hilfebedarf und Anforderungen an die Intimsphäre. |
| 6 | Sich sauber halten und kleiden | Welche Schritte der Körperpflege und des Ankleidens gelingen selbstständig? Beachten Sie Hautzustand, Kleiderwahl, Gewohnheiten und den Bedarf an Teilhilfe. |
| 7 | Körpertemperatur regulieren | Nimmt die Person Wärme und Kälte wahr? Prüfen Sie, ob sie Kleidung oder Bettdecke selbst anpassen kann. |
| 8 | Sich bewegen | Welche Bewegungen gelingen selbstständig oder mit Unterstützung? Prüfen Sie Beweglichkeit, Gangstabilität und Positionswechsel. |
| 9 | Sinnvolle Beschäftigung und Teilhabe | Welche Aktivitäten, Hobbys und sozialen Kontakte sind der Person wichtig? |
| 10 | Sexualität, Identität und Intimität leben | Welche Wünsche bestehen zu Nähe und Intimität? Berücksichtigen Sie Selbstbild und Identität. Klären Sie Wünsche behutsam und schützen Sie die Privatsphäre. |
| 11 | Schlafen und ruhen | Welche Unterstützung braucht die Person zur Erholung? Erfassen Sie Schlafgewohnheiten, Schlafstörungen und Hilfebedarf bei Schlafritualen, Positionierung oder Umgebung. |
| 12 | Sterben | Welche Wünsche bestehen für die letzte Lebensphase? Beachten Sie Ängste, spirituelle Bedürfnisse und den Bedarf an würdevoller Begleitung. |
Die ursprüngliche Bezeichnung „Arbeiten und Spielen“ meint sinnvolle Beschäftigung und soziale Teilhabe.
Berücksichtigen Sie bei der Pflegeplanung: Eine Einschränkung kann mehrere Lebensaktivitäten betreffen.
Bei verminderter Mobilität prüfen Sie deshalb auch den Toilettenzugang, die Körperpflege, das Ankleiden, den Weg zum Essbereich und die Teilnahme an Beschäftigungen. Unterscheiden Sie dabei die Fähigkeit von der Erreichbarkeit: Wer den Essbereich nicht selbst erreicht, kann möglicherweise trotzdem selbstständig essen.
Wie stark einzelne Aktivitäten betroffen sind, hängt zusätzlich von den Einflussfaktoren und der Lebensspanne ab.
Welche Faktoren den individuellen Pflegebedarf prägen
Um den individuellen Pflegebedarf einzuschätzen, betrachten Sie nicht nur die Lebensaktivitäten. Entscheidend ist auch, wie Bewohnerinnen und Bewohner diese ausführen, welche Bedeutung sie im Alltag haben und welche Unterstützung nötig ist. Dabei helfen die 5 Einflussfaktoren.
Die 5 Einflussfaktoren
Roper, Logan und Tierney unterscheiden 5 Einflussfaktoren. Die Tabelle zeigt, worauf Sie bei der Einschätzung achten können.
| Einflussfaktor | Worauf Sie bei der Einschätzung achten |
|---|---|
| Körperlich | Körperliche Voraussetzungen, Schmerzen, Mobilität und Sinnesbeeinträchtigungen |
| Psychisch und kognitiv | Gefühle, Denken, Gedächtnis und Kommunikationsfähigkeit |
| Sozial und kulturell | Gewohnheiten, Religion, kulturelle Normen, Sprache und soziale Beziehungen |
| Umgebung | Raumaufteilung, Beleuchtung, Klima und Zugang zu Hilfsmitteln |
| Rechtlich und finanziell | Rechtliche, finanzielle und leistungsbezogene Rahmenbedingungen |
Die Faktoren beeinflussen sich gegenseitig: Schmerzen können Angst verstärken, eine ungünstige Raumgestaltung kann Aktivitäten erschweren. Wie sich diese Einflüsse auswirken, hängt auch von der Biografie und der Lebensspanne ab.
Lebensspanne, Biografie und Tagesgewohnheiten
Die Lebensspanne umfasst den gesamten Lebensverlauf. Biografie und Tagesgewohnheiten helfen zu verstehen, warum dieselbe Aktivität für Bewohnerinnen und Bewohner unterschiedliche Bedeutung hat.
Fragen Sie nach vertrauten Abläufen und Vorlieben. Prüfen Sie zugleich die aktuellen Fähigkeiten, um den Unterstützungsgrad einzuschätzen. Hohes Alter bedeutet nicht automatisch Abhängigkeit.
Abhängigkeit und Unabhängigkeit bei jeder Aktivität
Das Abhängigkeits-Unabhängigkeits-Kontinuum beschreibt den Unterstützungsbedarf bei jeder Lebensaktivität: von selbstständiger Ausführung über Vorbereitung, Erinnerung und Teilhilfe bis zur vollständigen Übernahme. Es ist keine Skala und kein Punktesystem.
Halten Sie konkret fest, was selbstständig gelingt, was mit Unterstützung möglich ist und wobei Hilfe nötig ist. Prüfen Sie den Bedarf erneut, wenn sich die Fähigkeiten verändern. Hilfebedarf schränkt das Recht auf Selbstbestimmung nicht ein: Betrachten Sie Wünsche und Entscheidungen getrennt von der Fähigkeit, eine Aktivität auszuführen.
Nutzen Sie diese Einschätzung für die Pflegeanamnese, die Pflegeplanung mit ATL oder anderen Modellen sowie die Dokumentation.
Das Modell im Pflegeprozess anwenden
Roper-Logan-Tierney-Modell im Pflegeprozess anwenden
Übertragen Sie die Einschätzung der Lebensaktivitäten in die Pflegeanamnese, Pflegeplanung und Evaluation. Fragen Sie zunächst:
„Was möchten Sie im Alltag selbst übernehmen? Wobei wünschen Sie Unterstützung?“
Ordnen Sie die Befunde den passenden Lebensaktivitäten zu. Wenn Wünsche und Fähigkeiten auseinanderfallen, berücksichtigen Sie die Einflussfaktoren. Beschreiben Sie den Hilfebedarf entlang des Kontinuums von Selbstständigkeit bis zur vollständigen Übernahme: Was gelingt allein, wobei ist Teilhilfe nötig und was muss vollständig übernommen werden?
Vereinbaren Sie individuelle Ziele, konkrete Maßnahmen und einen Evaluationszeitpunkt. Vergleichen Sie bei der Evaluation den aktuellen Stand mit der Ausgangslage und dem vereinbarten Ziel. [2][3][5]
Dokumentieren Sie im bestehenden System Ihrer Einrichtung. Bei der Strukturierten Informationssammlung (SIS) dienen die 12 Lebensaktivitäten als Denkrahmen. Eine zusätzliche, separate Dokumentation ist nicht nötig. Beachten Sie die fachliche Verantwortung der Pflegefachperson für Erhebung, Planung, Steuerung und Evaluation nach § 4 PflBG. [4]
Ein Pflegebeispiel mit klarer Dokumentation
Das folgende Beispiel dient als Formulierungshilfe. Übernehmen Sie den Befund nur, wenn Gespräch und Beobachtung ihn bestätigen. [5]
Beispiel:
Befund: „Zieht das Oberteil im Sitzen selbstständig an. Benötigt Unterstützung beim Anziehen der Hose und beim anschließenden Aufstehen. Möchte die Kleidung selbst auswählen.“
Ziel: „Wählt die Kleidung selbst und übernimmt das Anziehen des Oberteils weiterhin selbstständig.“
Maßnahme: Ermöglichen Sie die Kleiderwahl und das selbstständige Anziehen des Oberteils im Sitzen. Unterstützen Sie beim Anziehen der Hose und beim anschließenden Aufstehen entsprechend dem erhobenen Bedarf. [2][3][5]
Checkliste zur Überprüfung der Pflegeplanung
Prüfen Sie vor Abschluss der Planung diese vier Kernfragen:
- Sind Fähigkeiten, Wünsche und Hilfebedarf klar dokumentiert?
- Sind relevante Risiken berücksichtigt?
- Ist die Beteiligung an der Zielvereinbarung dokumentiert?
- Passen Ziele, Maßnahmen und Zeitpunkt der erneuten Einschätzung zum aktuellen Stand? [2][3][5]
Unterschiede zu Juchlis ATL und Krohwinkels ABEDL
Die Modelle setzen unterschiedliche Schwerpunkte. Roper, Logan und Tierney betrachten Lebensaktivitäten im Zusammenhang mit der Lebensspanne und dem Grad der Abhängigkeit oder Unabhängigkeit. Juchli beschreibt den Alltag anhand von 12 Aktivitäten des täglichen Lebens (ATL). Krohwinkel bezieht in AEDL/ABEDL auch soziale Beziehungen und existenzielle Erfahrungen ein. [1][2][3][4]
Die Modellwahl beeinflusst, wie Sie Anamnese und Dokumentation strukturieren. Maßgeblich ist, welche Perspektive Sie für Ihre Einschätzung benötigen.
| Vergleichspunkt | Roper, Logan und Tierney | Juchli | Krohwinkel |
|---|---|---|---|
| Zentrale Begriffe | 12 Lebensaktivitäten (LA) | 12 Aktivitäten des täglichen Lebens (ATL) | AEDL/ABEDL mit sozialen Beziehungen und existenziellen Erfahrungen |
| Struktur | 5 Konzepte: Lebensaktivitäten, Lebensspanne, Abhängigkeits-Unabhängigkeits-Kontinuum, Einflussfaktoren und Individualität | 12 ATL als Orientierung für die Alltagseinschätzung | 13 Bereiche mit sozialen Beziehungen und existenziellen Erfahrungen |
| Schwerpunkt | Lebensspanne und Kontinuum von Abhängigkeit und Unabhängigkeit | Alltagsbewältigung und Unterstützung | Selbstständigkeit, Beziehungen und existenzielle Erfahrungen |
| Praxisbezug | Hilfebedarf je Lebensaktivität und Veränderungen im Verlauf erfassen | Selbstständigkeit und Unterstützungsbedarf bei Tätigkeiten erfassen | Ressourcen und Probleme im sozialen, emotionalen und spirituellen Kontext erfassen |
Richten Sie die Wahl am Ziel Ihrer Einschätzung aus: Roper, Logan und Tierney helfen Ihnen, Selbstständigkeit und Veränderungen unter den zuvor beschriebenen Einflussfaktoren zu erfassen. Juchli bietet eine Struktur für die Alltagsbewältigung, Krohwinkel zusätzlich für soziale und existenzielle Aspekte. Die jeweiligen Schwerpunkte schließen andere Perspektiven nicht aus. [1][2][3][4]
Mehr zur Beziehungsperspektive lesen Sie im Beitrag zum ABEDL-Modell: Aktivitäten, Beziehungen und existenzielle Erfahrungen.
Der nächste Abschnitt beschreibt den praktischen Nutzen und die Grenzen des Modells.
Nutzen und Grenzen des Modells
Das Modell hilft Ihnen, den Pflegebedarf zu strukturieren und Maßnahmen individuell anzupassen. Es ersetzt weder einen Dokumentationsstandard noch ein Risikoinstrument.
Um Sturz- oder Dekubitusrisiken einzuschätzen, benötigen Sie ergänzende Risikoinstrumente und Ihre pflegefachliche Einschätzung, etwa nach den DNQP-Expertenstandards.
Das Modell unterstützt die fachliche Sicht auf den Pflegebedarf. Die Strukturierte Informationssammlung (SIS) gibt der Dokumentation eine Struktur. Dabei können die 12 Lebensaktivitäten als Denkrahmen dienen, ohne dass Sie dafür eine separate Checkliste führen müssen.
In Deutschland ist rechtlich kein bestimmtes Pflegemodell vorgeschrieben. § 113 SGB XI regelt Anforderungen an Qualität und Pflegedokumentation, nicht die Wahl des Modells. Entscheidend ist, dass Sie Fähigkeiten und Wünsche der Bewohnerinnen und Bewohner nachvollziehbar mit den Maßnahmen und deren Evaluation verknüpfen.
FAQs
Wie nutze ich das Modell bei Menschen mit Demenz?
Nutzen Sie die 12 Lebensaktivitäten, um den individuellen Unterstützungsbedarf und die vorhandenen Ressourcen von Bewohnerinnen und Bewohnern mit Demenz einzuschätzen. Ziel ist, so viel Selbstständigkeit wie möglich zu erhalten und zu fördern.
Richten Sie die Pflegemaßnahmen an den persönlichen Bedürfnissen und Gewohnheiten aus. Beziehen Sie die Einflussfaktoren und den Grad der Abhängigkeit ein. Dokumentieren Sie die individuellen Probleme und Ressourcen. Sie müssen nicht alle 12 Lebensaktivitäten täglich dokumentieren.
Wie priorisiere ich den Hilfebedarf bei mehreren Lebensaktivitäten?
Erfassen Sie für jede Lebensaktivität, wie viel Unterstützung die Bewohnerin oder der Bewohner benötigt. Das Abhängigkeits-Unabhängigkeits-Kontinuum des RLT-Modells hilft Ihnen einzuschätzen, was die Person selbstständig bewältigt und wobei sie Hilfe braucht.
Beziehen Sie die persönlichen Lebensgewohnheiten, die Lebensspanne und die Einflussfaktoren ein. Diese individuelle Einschätzung bildet die Grundlage für die Pflegeplanung. Die vorliegende Erklärung des Modells legt keine feste Rangfolge der Lebensaktivitäten fest.
Was tue ich, wenn Bewohnerwünsche und Sicherheitsbedürfnisse kollidieren?
Berücksichtigen Sie bei der individuellen Pflegeplanung die persönlichen Wünsche und den Unterstützungsbedarf der Bewohnerinnen und Bewohner. Im RLT-Modell gehört dazu auch die Lebensaktivität „für eine sichere Umgebung sorgen“.
Beziehen Sie Lebensgewohnheiten, Fähigkeiten und Einflussfaktoren ein, um die Pflegemaßnahmen auf die jeweilige Situation abzustimmen.






