Expertenstandard Kontinenzförderung in der Pflege

02.10.2026

Erläutert Einschätzung, Kontinenzprofile, Maßnahmen und Dokumentation nach dem Expertenstandard für die stationäre Pflege.

Der Expertenstandard Kontinenzförderung in der Pflege richtet den Blick auf Fähigkeiten und Unterstützungsbedarf – nicht nur auf die Hilfsmittelversorgung. Für die stationäre Langzeitpflege heißt das: Sie schätzen Harn- und Stuhlkontinenz getrennt ein, vereinbaren passende Maßnahmen und prüfen deren Wirkung.

Wir zeigen Ihnen, wie Sie die Aktualisierung 2024 im Pflegealltag umsetzen und Einschätzung, Pflegeplanung und Evaluation miteinander verknüpfen. Dabei steht im Mittelpunkt, was Bewohnerinnen und Bewohner selbst leisten können und welche Unterstützung sie wünschen.

Kontinenzförderung in der Pflege: Einschätzung bis Evaluation

Kontinenzförderung in der Pflege: Einschätzung bis Evaluation

Was der DNQP-Standard 2024 verlangt

Der Standard fordert eine individuelle, fachlich begründete Kontinenzförderung. Dazu gehören dokumentierte Maßnahmen und eine regelmäßige Überprüfung, ob diese weiterhin passen. Die Einrichtungsleitung stellt Fachwissen, Materialien und Hilfsmittel bereit. Grundlage ist der DNQP-Expertenstandard mit Kommentierung. [1] Die Umsetzung beginnt mit der Einschätzung und dem Kontinenzprofil.

Harn- und Stuhlkontinenz

Schätzen Sie die Harn- und Stuhlkontinenz sowie den Unterstützungsbedarf ein. Beziehen Sie sowohl Bewohnerinnen und Bewohner mit erhaltener Kontinenz und einem Kontinenzrisiko als auch Personen mit bestehenden Kontinenzproblemen ein. [1]

Das Kontinenzprofil beschreibt die vorhandenen Fähigkeiten und die benötigte Unterstützung. Diese bilden die Grundlage für die weitere Planung. [1]

Kontinenz erhalten und Inkontinenz kompensieren

Kontinenzförderung soll vorhandene Fähigkeiten erhalten oder verbessern, etwa durch Unterstützung beim Toilettengang. Kompensation bedeutet, die Folgen einer bestehenden Inkontinenz mit geeigneten Hilfsmitteln auszugleichen.

Beides gehört in die Pflegeplanung. Welche Maßnahmen Sie auswählen, richtet sich nach dem Kontinenzprofil, Ihrer fachlichen Einschätzung und den Wünschen der betroffenen Bewohnerin oder des betroffenen Bewohners. [1]

Kontinenz einschätzen und das Kontinenzprofil festlegen

Erheben Sie zunächst Hinweise auf unwillkürlichen Harn- oder Stuhlverlust und mögliche Risikofaktoren. Bei Auffälligkeiten folgt eine differenzierte Einschätzung. Leiten Sie daraus je ein Kontinenzprofil für Harn und Stuhl ab. Entscheidend sind die erhobenen Inhalte, nicht das verwendete Formular. [1] Damit übersetzen Sie die Standardanforderung in konkrete Schritte für den Pflegealltag.

Anzeichen erkennen und Unterstützungsbedarf einschätzen

Erfragen Sie die Toilettengewohnheiten der Bewohnerinnen und Bewohner und beobachten Sie ihre vorhandenen Fähigkeiten. Beziehen Sie Mobilität, Kognition, Kommunikation, Umgebung und genutzte Hilfsmittel ein. Halten Sie auch Wünsche und Gewohnheiten fest. Hinweise auf Inkontinenz oder Veränderungen der körperlichen oder kognitiven Situation erfordern eine vertiefte Einschätzung. [1]

Die Tabelle zeigt, welche Fragen, Angaben und Entscheidungen zu den einzelnen Schritten gehören.

Einschätzungsschritt Pflegerische Frage Dokumentation Entscheidung für die Pflegeplanung
Erste Einschätzung Gibt es Harn- oder Stuhlverlust oder Risikofaktoren? Angaben der Bewohnerin oder des Bewohners, Beobachtungen und Risikohinweise Bei Auffälligkeiten differenziert einschätzen
Differenzierte Einschätzung Wann treten Probleme auf? Welche Fähigkeiten, Hindernisse und Wünsche bestehen? Ausscheidungsmuster, Mobilität, Kognition, Kommunikation, Umgebung und Hilfsmittel Individuellen Unterstützungsbedarf bestimmen
Profil zuordnen Wird Kontinenz selbstständig oder mit Hilfe erreicht? Wie wird Inkontinenz ausgeglichen? Harn- und Stuhlkontinenzprofil mit Fähigkeiten und Unterstützungsbedarf Ziele und passende Maßnahmen festlegen

Diese Struktur unterstützt die Dokumentation, schreibt aber kein bestimmtes Erhebungsformular vor. [1]

Profil dokumentieren und erneute Einschätzung planen

Der DNQP unterscheidet sechs Kontinenzprofile:

  • Kontinenz: Es besteht weder unwillkürlicher Verlust noch Hilfebedarf.
  • Unabhängig erreichte Kontinenz: Die Bewohnerin oder der Bewohner bleibt durch eigene Maßnahmen kontinent.
  • Abhängig erreichte Kontinenz: Kontinenz wird mit Unterstützung erreicht.
  • Unabhängig kompensierte Inkontinenz: Die Bewohnerin oder der Bewohner gleicht die Folgen des unwillkürlichen Verlusts selbst aus.
  • Abhängig kompensierte Inkontinenz: Zum Ausgleich der Folgen ist Unterstützung durch das Pflegeteam nötig.
  • Nicht kompensierte Inkontinenz: Die Folgen der Inkontinenz werden nicht ausreichend ausgeglichen.

Die ersten drei Profile zielen auf den Erhalt oder die Wiedererlangung der Kontinenz, die übrigen auf den Ausgleich der Inkontinenzfolgen. [1]

Dokumentieren Sie neben dem Profil die Fähigkeiten, den konkreten Hilfebedarf und das Pflegeziel. Planen Sie individuell, wann Sie die Einschätzung überprüfen. Akute Erkrankungen, Veränderungen der Mobilität oder Kognition sowie Medikamentenänderungen können eine erneute Einschätzung auslösen. Einen festen Prüfturnus gibt der Standard nicht vor. [1]

Maßnahmen passend zum Kontinenzprofil auswählen

Leiten Sie die Maßnahmen aus dem Kontinenzprofil, dem Unterstützungsbedarf und dem Pflegeziel ab. Die fachliche Grundlage ist der DNQP-Expertenstandard. Dokumentieren Sie für jede Maßnahme Problem, Ziel, zuständige Person, Prüftermin und Ergebnis. [1]

Toilettengänge und Alltagsroutinen unterstützen

Orientieren Sie Toilettenangebote an den beobachteten Ausscheidungszeiten und den persönlichen Wünschen der Bewohnerinnen und Bewohner. Prüfen Sie, ob eine Erinnerung ausreicht oder ob Begleitung und Unterstützung nötig sind. Berücksichtigen Sie den Weg zur Toilette, benötigte Mobilitätshilfen und Kleidung, die sich leicht öffnen lässt. Halten Sie konkret fest, wer welche Unterstützung wann übernimmt. [1]

Planen Sie Training sowie Trink- und Ernährungsempfehlungen nur nach fachlicher Einschätzung. Beziehen Sie dabei den Gesundheitszustand und persönliche Vorlieben ein. Prüfen Sie zum vereinbarten Termin, ob die Unterstützung im Alltag funktioniert und das Pflegeziel erreicht wird. [1]

Hilfsmittel auswählen und ärztliche Abklärung veranlassen

Wenn die Unterstützung beim Toilettengang nicht ausreicht, ergänzen Sie die Versorgung durch individuell ausgewählte Hilfsmittel. Diese unterstützen die Kontinenzförderung und gleichen Folgen der Inkontinenz aus. Sie ersetzen Toilettenangebote jedoch nicht pauschal. Planen Sie auch Hautpflege und Hautschutz ein. Prüfen Sie bei der Auswertung, ob die Versorgung den festgestellten Bedarf deckt oder angepasst werden muss. [1]

Veranlassen Sie bei neuen, ungeklärten, schmerzhaften oder blutigen Veränderungen eine ärztliche Abklärung. [1]

Einschätzung, Maßnahmen und Ergebnisse dokumentieren

Nach der Maßnahmenplanung dokumentieren Sie den Verlauf der Harn- und Stuhlausscheidung. Ordnen Sie die Angaben der SIS, dem Maßnahmenplan, dem Berichteblatt und der Evaluation zu. [1]

In der SIS halten Sie die Sichtweise, Wünsche und den Unterstützungsbedarf der Bewohnerinnen und Bewohner fest. Die vertiefte Einschätzung und das Kontinenzprofil müssen damit klar verknüpft und schnell auffindbar sein. Der Maßnahmenplan beschreibt die vereinbarte Versorgung. Im Berichteblatt erfassen Sie Veränderungen, Abweichungen und besondere Ereignisse, ohne die Routineversorgung fortlaufend zu wiederholen. In der Evaluation halten Sie fest, ob die Ziele erreicht wurden und welche Anpassungen nötig sind. [1]

Beobachtungen und Handlungen konkret beschreiben

Neben dem Ablageort zählt die fachlich nachvollziehbare Formulierung. Ihre Einträge sollen zeigen, was der Anlass war, wie darauf reagiert wurde und welcher Schritt folgt.

Schreiben Sie nicht nur „Toilettengang nicht erfolgreich“, sondern beschreiben Sie zum Beispiel einen Urinverlust trotz geplantem Toilettenangebot. [1]

Halten Sie die pflegerische Einschätzung fest, dass der Angebotszeitpunkt nicht zum Ausscheidungsrhythmus passt. Ergänzen Sie nur die tatsächlich geleistete Unterstützung, die Reaktion und den nächsten Schritt. [1]

Wenn eine Bewohnerin oder ein Bewohner Unterstützung ablehnt, dokumentieren Sie das konkrete Angebot, die Ablehnung und den genannten Grund, sofern einer vorliegt. Ergänzen Sie Ihre pflegerische Einschätzung des daraus entstehenden Risikos. Trennen Sie Beobachtung und pflegerische Einschätzung. [1]

Dokumentation auf offenen Handlungsbedarf prüfen

Prüfen Sie:

  • Sind Einschätzung und Kontinenzprofil aktuell?
  • Sind Wünsche, Ziele, Maßnahmen, Verantwortlichkeiten, Hilfsmittel und Beratung erfasst?
  • Sind die Ergebnisse ausgewertet?
  • Ist ein erneuter Einschätzungsbedarf erkennbar? [1]

Der DNQP stellt dafür unter anderem den Erhebungsbogen Kontinenzprofile, Ergebnisprotokolle und Auditinstrumente bereit. Legen Sie für offene Punkte einen konkreten nächsten Schritt fest und machen Sie diese für die weitere interne Prüfung sichtbar. Die Dokumentation unterstützt die pflegerische Beurteilung, ersetzt sie aber nicht. [1]

Den Standard in Einrichtungsabläufe und Qualitätsprüfungen übersetzen

Verankern Sie den Standard auf Basis von Kontinenzprofil, Maßnahmen und Evaluation in Ihren Regelabläufen. Pflegefachkräfte übernehmen die individuelle Einschätzung. Pflegedienstleitung (PDL) und Qualitätsmanagement (QM) sichern die strukturellen Voraussetzungen und prüfen die Umsetzung. Die DNQP-Auditinstrumente erfassen die Umsetzung auf drei Ebenen. [1]

Verantwortlichkeiten festlegen und die Praxis prüfen

Legen Sie fest, wer intern welche Aufgaben übernimmt. Die drei Ebenen helfen Ihnen, Zuständigkeiten zu klären und Handlungsbedarf zu erkennen.

Ebene und Verantwortung Einrichtungsablauf und Nachweis Frage für die Qualitätsprüfung
Bewohnerbezogen: Pflegefachkräfte Kontinenzprofil erfassen und die Umsetzung prüfen. Passen die Maßnahmen zum aktuellen Kontinenzprofil?
Personalbezogen: PDL und Pflegefachkräfte Fragebogen 2 nutzen, um Schulungsbedarf zu ermitteln. Können die Mitarbeitenden die vorgesehenen Maßnahmen fachgerecht umsetzen?
Einrichtungsebene: PDL und QM Mit Fragebogen 3 Hilfsmittel, Zuständigkeiten und ärztliche Abklärung prüfen. Sind benötigte Hilfsmittel und Ansprechpersonen erreichbar?

Werten Sie die Auditergebnisse aus. Legen Sie fest, was verbessert werden soll, wer dafür verantwortlich ist und bis wann die Umsetzung erfolgt. Prüfen Sie anschließend erneut, ob die vereinbarten Schritte umgesetzt wurden. Die DNQP-Ergebnisprotokolle unterstützen Sie bei der Auswertung. [1]

Für die Umsetzung im Pflegealltag und die interne Prüfung benötigen Sie vor allem die DNQP-Arbeitsmaterialien.

Quellen und weiterführende Informationen

Die Primärquelle ist der DNQP-Expertenstandard Kontinenzförderung in der Pflege, Aktualisierung 2024. [1] Dort finden Sie die Auditfragebögen 1 bis 3, den Erhebungsbogen Kontinenzprofile und die Ergebnisprotokolle. Zur Umsetzung steht außerdem der Praxisprojektbericht vom Februar 2026 zur Verfügung. [1]

Ihr nächster Schritt: Prüfen Sie gemeinsam mit PDL und QM bei einer Bewohnerin oder einem Bewohner, ob Kontinenzprofil, Maßnahmen und Evaluation zusammenpassen.

FAQs

Wie formuliere ich realistische Ziele zur Kontinenzförderung?

Richten Sie die Ziele an der individuellen Einschätzung und dem Kontinenzprofil aus. Dabei geht es darum, die Kontinenz zu erhalten oder zu fördern. Besteht eine Harn- oder Stuhlinkontinenz, sollen die Maßnahmen diese beseitigen, reduzieren oder kompensieren.

Planen Sie dafür individuell abgestimmte Maßnahmen. Dokumentieren Sie Ziele und Maßnahmen nachvollziehbar, damit Sie die Umsetzung und die Ergebnisse bewerten können.

Wie fördere ich Kontinenz bei Menschen mit Demenz?

Führen Sie zunächst eine Ersteinschätzung durch. Erstellen Sie bei Bedarf ein vertieftes Kontinenzprofil und planen Sie darauf abgestimmte Maßnahmen. Beziehen Sie die betroffene Bewohnerin oder den betroffenen Bewohner sowie die Angehörigen ein.

Der Expertenstandard Kontinenzförderung in der Pflege (Aktualisierung 2024) sieht Beratung, Schulung, eine koordinierte Umsetzung der Maßnahmen und die Überprüfung ihrer Wirksamkeit vor. Ziel ist es, Kontinenz zu erhalten oder zu fördern und bestehende Harn- oder Stuhlinkontinenz zu beseitigen, zu reduzieren oder zu kompensieren.

Was tue ich, wenn Bewohner Toilettenangebote ablehnen?

Beziehen Sie Bewohnerinnen und Bewohner in die Planung individueller Maßnahmen zur Kontinenzförderung ein. Der Expertenstandard sieht die Beratung und Einbeziehung der Betroffenen sowie ihrer Angehörigen als zentrale Bestandteile vor.

Dokumentieren Sie die geplanten Maßnahmen nachvollziehbar. Prüfen Sie deren Wirksamkeit auf Grundlage dieser Dokumentation.

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