Expertenstandard chronische Wunden: Inhalte und Umsetzung

Praktische Anleitung für Assessment, Pflegeplanung, Dokumentation und Audit nach DNQP zur Versorgung chronischer Wunden in der stationären Pflege.
Der DNQP-Expertenstandard „Pflege von Menschen mit chronischen Wunden“ verbindet die Wundbeurteilung mit individuellen Pflegezielen, abgestimmten Maßnahmen und der Verlaufskontrolle. Für Sie in der stationären Langzeitpflege heißt das: Neben dem Wundzustand zählen die Schmerzen, Alltagsbelastungen und Wünsche der Bewohnerinnen und Bewohner.
Auf Grundlage der 2. Aktualisierung 2025 zeige ich Ihnen, wie Sie diese Anforderungen in Ihre Abläufe einbinden, Zuständigkeiten klären und die Versorgung nachvollziehbar dokumentieren.
Geltungsbereich und Ziele des aktualisierten DNQP-Standards
Der DNQP-Standard bietet Orientierung für pflegerische Entscheidungen, kein starres Behandlungsschema. Für die Umsetzung in der stationären Langzeitpflege sind die jeweiligen Wundarten maßgeblich.[1]
Wundarten und personenzentrierte Pflegeziele
Im Mittelpunkt stehen Dekubitus, Ulzera der Unterschenkel und diabetische Fußulzera. Die Ursache bestimmt die Versorgung: Druckbelastung, venöse Stauung und arterielle Durchblutungsstörungen erfordern unterschiedliche Versorgungskonzepte. Die Pflegeziele werden darauf abgestimmt und individuell vereinbart.[1][2]
Als chronisch gelten Wunden, die trotz angemessener Therapie länger als acht Wochen bestehen oder erneut auftreten. Das Assessment beginnt mit der Übernahme der Versorgung und wird bei jedem Verbandwechsel aktualisiert. Diese erste pflegerische Einschätzung bildet die Grundlage für Ziele, Maßnahmen und Verlaufskontrolle.[2]
Die Ziele sind weniger Schmerzen, mehr Teilhabe und eine bessere Lebensqualität. Berücksichtigen Sie auch die Belastung durch Wundgeruch und den Erhalt der Mobilität. Fragen Sie die Bewohnerin oder den Bewohner, welche Einschränkung im Alltag besonders belastet. Ist eine Heilung nicht erreichbar, stehen Symptomlinderung und Lebensqualität im Mittelpunkt.[1][2]
Klären Sie, was die betroffene Person über ihre Wunde weiß, und erklären Sie die Zusammenhänge verständlich. Besprechen Sie, welche Maßnahmen sie selbst übernehmen kann. Stimmen Sie die Beratung auf ihr Verständnis und ihre Fähigkeiten im Alltag ab. Beziehen Sie Angehörige ein, wenn die Bewohnerin oder der Bewohner dies wünscht. Planen Sie von Anfang an Maßnahmen mit, die einem erneuten Auftreten der Wunde vorbeugen.[1][2]
Von der Wundenerkennung zur Evaluation der Versorgung
Expertenstandard chronische Wunden: Von der Erkennung zur Evaluation
Bei der Aufnahme oder beim Erstbefund erfassen Sie den Versorgungsbedarf und sichten vorhandene Befunde. Lassen Sie unklare Ursachen ärztlich abklären. Anschließend legen Sie Ziele fest, koordinieren die Behandlung und beurteilen den Verlauf.[1][2]
Nach der Zielklärung folgt die strukturierte Erstbeurteilung mit festgelegten Messpunkten.
Die betroffene Person einschätzen und Wunde beschreiben
Erfassen Sie Schmerzen, Einschränkungen im Alltag und Selbstpflegefähigkeiten der Bewohnerinnen und Bewohner strukturiert. Fragen Sie auch nach sozialem Rückzug und Belastungen durch Wundgeruch. Nutzen Sie zur Schmerzeinschätzung die numerische Ratingskala (NRS) von 0 bis 10 und für die wundbezogene Lebensqualität den Fragebogen Wound-QoL. Halten Sie bei Schmerzen auch den Charakter und den Zeitpunkt fest. Die Ergebnisse dienen als Grundlage für die Dokumentation und die Verlaufskontrolle.[1][2]
Beschreiben Sie die Lokalisation, die vermutete Wundart oder Ursache sowie Länge, Breite und Tiefe in cm. Erfassen Sie Wundgrund, Wundrand und umgebende Haut. Dokumentieren Sie Menge, Farbe und Geruch des Exsudats, also der Wundflüssigkeit, sowie Veränderungen. Verwenden Sie ein einheitliches Wundassessment und dieselbe Messmethode, damit die Befunde vergleichbar bleiben. Prüfen Sie den aktuellen Zustand bei jedem Verbandwechsel. Bei Veränderungen führen Sie eine vertiefte Beurteilung durch.[2]
Ziele vereinbaren, Versorgung planen und Verlauf prüfen
Ordnen Sie jedem relevanten Befund ein individuelles Ziel, passende Pflegemaßnahmen und die ärztlichen Anordnungen zu. Legen Sie Zuständigkeiten und Überprüfungstermine fest. Bei komplexen Verläufen ziehen Sie pflegerische Wundexpertise hinzu. Beurteilen Sie sowohl die Wundveränderungen als auch die erfassten Einschränkungen im Alltag. Stellen Sie bei Übergaben und Verlegungen sicher, dass Befunde, Anordnungen und nächste Kontrolltermine verfügbar sind.[1][2]
Ändert sich der Befund, passen Sie Ziel, Maßnahme und Prüfungstermin sofort an.
Bei einer Verschlechterung ist eine vorgezogene Beurteilung erforderlich. Lassen Sie eitriges Exsudat, livide (bläulich-violette) oder unterminierte (unterhöhlte) Wundränder, zunehmende Schmerzen und jede akute Verschlechterung zeitnah ärztlich abklären. Bei akuter Gefährdung muss dies sofort erfolgen. Folgen Sie dem internen Eskalationsverfahren und beurteilen Sie die laufende Versorgung neu. Zeigt die Wunde trotz Therapie keine Heilungstendenz, sollte der Behandlungsplan ärztlich und unter Einbeziehung pflegerischer Wundexpertise überprüft werden.[2]
Dokumentieren Sie anschließend Befund, Ziel, Maßnahme und Verlauf einheitlich.
Befunde, Entscheidungen und Ergebnisse dokumentieren
Nach Assessment und Pflegeplanung führen Sie Befund, Entscheidung, Durchführung und Ergebnis in der Dokumentation zusammen. Halten Sie Beobachtung, Entscheidung, Planung, Durchführung und Ergebnis dabei getrennt und nachvollziehbar fest. Eine geplante Maßnahme ist kein Durchführungsnachweis. Dokumentieren Sie bei jedem Verbandwechsel den Verlauf sowie Abweichungen, deren Gründe und das Ergebnis.[2]
Assessment, Pflegeplanung und Evaluation verknüpfen
Legen Sie für jede Information einen festen Dokumentationsort fest. Verweisen Sie auf bestehende Einträge, statt Befunde mehrfach zu übertragen. Hinweise zum Aufbau finden Sie im Artikel „Pflegeplanung schreiben: Schritt für Schritt Anleitung mit Beispielen“.
Die Tabelle zeigt, welche Angaben an welche Stelle gehören.
| Dokumentationsfrage | Erforderliche Angaben | Dokumentationsort |
|---|---|---|
| Was ist der Bewohnerin oder dem Bewohner wichtig? | Schmerzintensität, Schmerzcharakter und Auswirkungen auf die Lebensqualität | Schmerzprotokoll, Wound-QoL-Form |
| Welcher Wundbefund liegt vor? | Aktuelles Wundassessment mit Datum und Verweis auf den Verlaufsvermerk | Wundassessment |
| Was ist geplant und warum? | Maßnahmen, Begründung der Materialwahl, Zuständigkeit und Kontrolltermin | Maßnahmenplan, ärztliche Anordnungen |
| Was wurde durchgeführt? | Zeitpunkt, konkrete Versorgung, verwendete Materialien, Abweichungen und dokumentierende Person | Durchführungsnachweis, Wundbericht |
| Was wurde abgestimmt oder geändert? | Anlass und Zeitpunkt der Rücksprache, beteiligte Fachpersonen, Ergebnis und Verantwortung für die Umsetzung | Kommunikationsvermerk, aktualisierter Maßnahmenplan |
| Welche Wirkung zeigte sich? | Vergleich zum Vorbefund, Zielerreichung, Beschwerden und Gründe für Anpassungen | Evaluation |
Wundberichte konkret formulieren
Benennen Sie die Wunde, das Datum und die Merkmale, die für die Verlaufskontrolle relevant sind. Vermeiden Sie ungenaue Aussagen. Beschreiben Sie Veränderungen anhand eines nachvollziehbaren Vergleichsbefunds.[2]
Beispiel: Wundgröße von 5 × 3 cm auf 4 × 2 cm reduziert, 80 % Granulationsgewebe, 20 % Fibrin. Exsudat mäßig, serös. Schmerz NRS 2 von 10.[2]
Ergänzen Sie die Angaben zu Wunde, Datum, Wundrand, Umgebungshaut und durchgeführter Versorgung. Ohne dokumentierten Vorbefund belegt dieser Eintrag keine Verbesserung.[2]
Wundfotos ergänzen den schriftlichen Befund, ersetzen ihn aber nicht. Bewerten Sie die Wundentwicklung regelmäßig, mindestens alle zwei Wochen, mithilfe von Fotos. Verwenden Sie einen Maßstab und fotografieren Sie aus derselben Perspektive unter möglichst gleichen Aufnahmebedingungen. So lassen sich die Aufnahmen vergleichen. Ordnen Sie jedes Foto eindeutig der Bewohnerin oder dem Bewohner, der Wunde und dem Datum zu. Legen Sie fest, wo die Fotos im Dokumentationssystem abgelegt werden. Die schriftliche Einwilligung muss vor der ersten Aufnahme vorliegen.[2]
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Zuständigkeiten festlegen und die Praxis prüfen
Damit Assessment, Planung und Dokumentation zusammenpassen, müssen die Zuständigkeiten im Alltag klar sein.
Die Umsetzung braucht Zeit, Material und Wundexpertise. Die Pflegedienstleitung (PDL) stellt die Ressourcen und Vertretungen sicher. Als Grundlage dienen der Expertenstandard und die DNQP-Auditmaterialien.
Pflegerische, ärztliche und organisatorische Aufgaben abgrenzen
Halten Sie schriftlich fest, wer welche Aufgaben übernimmt und wer bei Abwesenheit vertritt.
| Rolle | Verantwortung im Versorgungsprozess |
|---|---|
| Pflegefachkraft | Wunden beurteilen, Maßnahmen umsetzen, den Verlauf dokumentieren und Rücksprachen koordinieren. |
| Pflegeassistenz | Übertragene Aufgaben ausführen und Veränderungen melden. |
| Wundexpertin oder Wundexperte | Bei komplexen Verläufen beraten und Schulungsbedarf erkennen. |
| Ärztin oder Arzt | Die Diagnose und Behandlung der Wundursache verantworten. |
| PDL | Zeit, Material, Qualifikation und Vertretungen sicherstellen. |
| Qualitätsmanagement (QM) | Abläufe prüfen und Maßnahmen nachverfolgen. |
Veränderungen müssen sofort an die zuständige Pflegefachkraft gemeldet werden. Dokumentieren Sie die Übergabe nachvollziehbar.
Die festgelegten Zuständigkeiten bilden die Grundlage, um die Umsetzung systematisch zu prüfen.
Lücken mit dem DNQP-Audit erkennen und bearbeiten
Nutzen Sie das DNQP-Auditinstrument mit den Ausfüllhinweisen zur 2. Aktualisierung 2025. Damit prüfen Sie Struktur, Prozess und Ergebnis der dokumentierten Versorgung. Das Audit dient der internen Qualitätsentwicklung, nicht der externen Prüfung.
Legen Sie für jeden festgestellten Mangel eine verantwortliche Person, eine konkrete Maßnahme und einen Prüftermin fest. Unterscheiden Sie zwischen Schulungsbedarf und organisatorischen Problemen. Prüfen Sie das betroffene Kriterium nach Umsetzung der Maßnahme erneut.
Checkliste für die Umsetzung und nächste Schritte
Mit dieser Kurzprüfung prüfen Sie, ob Assessment, Pflegeplanung, Dokumentation und Zuständigkeiten im Alltag umgesetzt werden. Sie ergänzt den DNQP-Expertenstandard und das Auditinstrument für die Wunddokumentation.
Assessment vollständig? Sind die Ergebnisse des Assessments, Schmerzen, Einschränkungen im Alltag und Ziele vollständig dokumentiert?
Planung, Durchführung und Evaluation nachvollziehbar? Sind Planung, Durchführung, Verlauf und Anpassungen lückenlos dokumentiert und mit der Evaluation verknüpft?
Nächster Schritt für die PDL: Prüfen Sie als Pflegedienstleitung aktuelle Wundakten stichprobenartig und verfolgen Sie die Maßnahmen im Qualitätsmanagement (QM) nach:
- Prüfen Sie die Wundakten vom Erstbefund bis zur Evaluation. Legen Sie fest, welche Abweichungen zuerst bearbeitet werden.
- Benennen Sie für jede Verbesserung eine verantwortliche Person und setzen Sie eine Frist.
- Prüfen Sie anschließend, ob die Maßnahmen umgesetzt wurden.
Dokumentieren Sie das Ergebnis der Nachprüfung im QM.
FAQs
Ist der DNQP-Expertenstandard rechtlich verbindlich?
Die vorliegende Beschreibung sagt nicht eindeutig, ob der DNQP-Expertenstandard rechtlich verbindlich ist. Sie benennt fachliche Anforderungen an die Pflege von Menschen mit chronischen Wunden.
Dazu zählen eine systematische Einschätzung, die Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen sowie die Einbindung der betroffenen Bewohnerinnen und Bewohner und ihrer Angehörigen. Bei komplexen Wundsituationen muss zusätzliche Fachexpertise hinzugezogen werden. Maßnahmen, Heilungsverlauf und Lebensqualität sollen fortlaufend dokumentiert und überprüft werden.
Wie erfasse ich Wundschmerzen bei Menschen mit Demenz?
Erfassen Sie Wundschmerzen im Rahmen eines strukturierten, personenzentrierten Wundassessments. Dokumentieren Sie die Schmerzen, deren Auswirkungen auf den Alltag und wie wirksam die Maßnahmen zur Schmerzlinderung sind.
Führen Sie das Wundassessment bei Aufnahme, bei Veränderungen und spätestens alle vier Wochen durch. Halten Sie auch fest, welche Informationen und Beratung die Bewohnerinnen und Bewohner sowie ihre Angehörigen benötigen. Ziehen Sie bei komplexen Versorgungssituationen pflegerische Fachexpertise hinzu.
Was tun, wenn Bewohner die Wundversorgung ablehnen?
Richten Sie die Versorgung an den Bedürfnissen der Bewohnerinnen und Bewohner aus und beziehen Sie sie in Entscheidungen ein. Erfassen Sie, welche Information, Schulung und Beratung sie benötigen. Der Expertenstandard betont ihre Beteiligung und die Stärkung ihrer Selbstmanagementkompetenzen – also ihrer Fähigkeit, im Alltag selbst mit ihrer Erkrankung umzugehen.
Ziehen Sie bei Bedarf Fachpersonen hinzu. Dokumentieren Sie den Heilungsverlauf, die Wirksamkeit der Maßnahmen und deren Auswirkungen auf den Alltag.