Expertenstandard Demenz: Beziehungsgestaltung in der Pflege

Praktische Anleitung für Pflegekräfte: Beziehungsbedürfnisse erkennen, Kontaktangebote planen, dokumentieren und anpassen.
Der DNQP-Expertenstandard „Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz“ hilft Ihnen, Beziehungsbedürfnisse zu erkennen und passende Kontaktangebote im Pflegealltag zu gestalten. Für die stationäre Langzeitpflege zählt dabei nicht allein, ob eine Handlung gelingt, sondern wie Bewohnerinnen und Bewohner den Kontakt erleben.
Ich zeige Ihnen, wie Sie Beobachtungen für die Pflegeplanung nutzen, auf Ablehnung reagieren und Änderungen nachvollziehbar dokumentieren. So können Sie im Team prüfen, welche Ansprache Sicherheit vermittelt und wann ein anderes Vorgehen nötig ist.
Eine Übersicht der Expertenstandards des DNQP finden Sie im Beitrag Expertenstandards in der Pflege: Grundlagen und Beispiele.
Expertenstandard Demenz: Beziehungsgestaltung im Pflegealltag
Was der Expertenstandard Demenz umfasst
Der Expertenstandard beschreibt, wie Sie Kommunikation, Interaktion und psychosoziale Unterstützung im Pflegealltag personzentriert gestalten. Dabei richten Sie die Art des Kontakts, das Tempo und die Ansprache an den Bedürfnissen und Ausdrucksformen der jeweiligen Person aus.[2]
Die aktuelle Fassung und das zugehörige Auditinstrument finden Sie beim DNQP unter „Expertenstandards und Auditinstrumente“. Nutzen Sie für interne Qualitätsprüfungen das Auditinstrument der aktuellen Fassung.[1][2]
Für wen der Standard gilt und was er verlangt
Klären Sie für die Umsetzung in der stationären Langzeitpflege zunächst, für wen der Standard gilt und wer welche Aufgaben übernimmt. Die Tabelle zeigt den fachlichen Auftrag und die Zuständigkeiten.[2]
| Bereich | Inhalt und Verantwortung |
|---|---|
| Bewohnerinnen und Bewohner | Menschen mit Demenz, einschließlich frontotemporaler Demenz und Demenz mit frühem Beginn. |
| Ziel der Pflege | Bewohnerinnen und Bewohner sollen sich gehört, verstanden, angenommen und mit anderen verbunden fühlen. |
| Pflegefachkräfte | Individuelle Beziehungsbedürfnisse einschätzen, passende Kontaktangebote planen und durchführen sowie die Reaktionen auswerten. |
| PDL und QM | Die Umsetzung organisatorisch unterstützen und in der internen Qualitätsentwicklung verankern. |
Der DNQP-Expertenstandard dient als fachliche Grundlage für die Qualitätsentwicklung. Rechtlich verbindlich ist er nur bei verbindlicher Einführung nach § 113a SGB XI.[2]
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Individuelle Beziehungsbedürfnisse einschätzen
Beobachten Sie zunächst, wie die Bewohnerin oder der Bewohner Kontakt aufnimmt, annimmt oder abwehrt. Das ist der erste Schritt der personzentrierten Beziehungsgestaltung. Achten Sie auf Wünsche, Fähigkeiten, Sprache und nonverbale Signale wie Mimik, Gestik und Körperhaltung. Prüfen Sie auch, wie vertraute Personen, Routinen und die Umgebung die Reaktion beeinflussen. Diese Beobachtungen helfen Ihnen bei der weiteren Pflegeplanung.
Stellen Sie kurze, verständliche Fragen und geben Sie Zeit für eine Antwort. Vertraute Personen können Angaben zu Gewohnheiten und Beziehungen ergänzen. Kennzeichnen Sie bei jeder Information die Quelle.
Trennen Sie Beobachtung und fachliche Einschätzung: Beschreiben Sie zuerst, was Sie sehen oder hören. Halten Sie anschließend Ihre Deutung fest. Eine vermutete Überforderung oder ein vermutetes Bedürfnis nach Rückzug ist eine Einschätzung, keine Tatsache. Vergleichen Sie Reaktionen in verschiedenen Situationen, bevor Sie daraus eine Vorliebe ableiten.
Checkliste zur Einschätzung der Beziehungsbedürfnisse
- Erfassen Sie, welche Personen und Routinen Sicherheit vermitteln.
- Halten Sie Signale für Zustimmung oder Ablehnung fest.
- Ermitteln Sie, welche Ansprache und welches Tempo passen.
- Erfassen Sie Auslöser für Angst, Rückzug oder Unruhe.
- Beachten Sie den Einfluss von Geräuschen, Berührungen und fremden Personen.
- Nutzen Sie die vertraute Sprache, damit Sie Kommunikationshindernisse nicht als Ablehnung missverstehen.
Die Biografie gibt Orientierung, ersetzt aber nicht die aktuelle Reaktion. Wenn Angaben von Angehörigen vom beobachteten Verhalten abweichen, dokumentieren Sie beides getrennt und prüfen Sie die Situation erneut. Auch bei Demenz mit frühem Beginn oder frontotemporaler Demenz leiten Sie Bedürfnisse aus dem aktuellen Verhalten und Ausdruck ab – nicht allein aus der Diagnose.
Für die Planung passender Beziehungsangebote nutzen Sie diese Einschätzung, um Tempo, Ansprache und Kontaktform festzulegen.
Beziehungsorientierte Pflege planen
Leiten Sie aus der Einschätzung konkrete Handlungen für den Pflegealltag ab. Halten Sie in der Pflegeplanung Situation, Ziel, Vorgehen, Reaktion und Anpassung knapp fest.
Im Pflegealltag Kontakt aufbauen
Legen Sie fest, wie Sie die Bewohnerin oder den Bewohner begrüßen. Bieten Sie beim Ankleiden wenige Wahlmöglichkeiten an und lassen Sie Zeit für eine Reaktion. Stimmen Sie die Alltagshandlungen auf die Person ab.
Beschreiben Sie im Plan, woran Sie erkennen, dass das Angebot passt. Bleibt die erwartete Reaktion aus, prüfen Sie Zeitpunkt, Umfang und Kontaktform. Verändern Sie das Angebot, statt es unverändert zu wiederholen. Gelingt der geplante Kontakt nicht, passt das Team den Zugang sofort an.
Auf Ablehnung, Angst und Rückzug reagieren
Unterbrechen Sie bei Ablehnung zunächst die Handlung, sofern die Situation es erlaubt. Verringern Sie störende Reize und prüfen Sie, ob Schmerzen, Unwohlsein oder unerfüllte Bedürfnisse vorliegen. Schreiben Sie die Reaktion nicht vorschnell der Demenz zu. Bei neu auftretenden oder anhaltenden Veränderungen braucht es eine weiterführende pflegefachliche und gegebenenfalls ärztliche Einschätzung.
Planen Sie den nächsten Kontaktversuch unter anderen Bedingungen: mit weniger Worten, mehr Abstand, zu einem anderen Zeitpunkt oder mit einer vertrauten Pflegeperson. Beziehen Sie vertraute Bezugspersonen ein, wenn diese Sicherheit vermitteln.
Halten Sie fest, wann Sie erneut Kontakt anbieten und bei welcher Reaktion Sie das Vorgehen nochmals anpassen. Die dokumentierte Anpassung bildet die Grundlage für die spätere Auswertung.
Reaktionen auswerten und die Pflegeplanung anpassen
Werten Sie nach jedem Beziehungsangebot aus, wie die Bewohnerin oder der Bewohner es erlebt hat. Davon hängt ab, ob Sie das Angebot fortführen, anpassen oder beenden. Achten Sie auf Wünsche, Mimik, Gestik und Zeichen von Wohlbefinden oder Belastung. Ruhe oder Mitmachen allein belegen kein Wohlbefinden. Maßgeblich bleibt die personzentrierte Beziehungsgestaltung nach dem DNQP-Expertenstandard. [2]
Prüfen Sie anhand der Auswertung erneut, ob das erfasste Bedürfnis noch zutrifft und das Angebot den Kontakt fördert. Besprechen Sie Ihre Beobachtungen im Team und dokumentieren Sie begründete Änderungen im Pflegeplan. Bei passender Reaktion führen Sie das Angebot fort. Bei Belastung passen Sie es an, unterbrechen oder beenden es. [1][2]
Beobachtung, Interpretation und Handlung trennen
Halten Sie Beobachtung, Interpretation und Anpassung des konkreten Beziehungsangebots getrennt fest. So können andere Pflegepersonen Ihre Entscheidungen nachvollziehen. [2]
| Ebene | Was Sie festhalten |
|---|---|
| Beobachtung | Wünsche, Bewegungen, Mimik und Veränderungen während des Kontakts. |
| Interpretation | Mögliche Bedeutung der Reaktion, ausdrücklich als Annahme gekennzeichnet. |
| Anpassung und Reaktion | Gewählte Anpassung, anschließende Reaktion und Entscheidung zum weiteren Angebot. |
Vergleichen Sie die Reaktionen in verschiedenen Alltagssituationen und bei verschiedenen Pflegepersonen. Tritt Rückzug nur unter bestimmten Bedingungen auf, oder hat sich das Kontaktverhalten insgesamt verändert? Neue oder wiederholt abweichende Reaktionen sind Anlass, die Einschätzung zu überprüfen. Wenn die Bedeutung unklar bleibt, dokumentieren Sie die offene Frage und nehmen Sie diese zur erneuten Prüfung in die nächste Einschätzung auf. [1][2]
Beziehungsorientierte Pflege dokumentieren
Halten Sie nach der Auswertung das Ergebnis knapp fest. Übertragen Sie die ausgewerteten Reaktionen direkt in die Strukturierte Informationssammlung (SIS), die Maßnahmenplanung und das Berichteblatt.
In der SIS erfassen Sie die Sicht der Bewohnerin oder des Bewohners, Vorlieben in der Kommunikation und wichtige Beziehungen. Ordnen Sie die Angaben den passenden SIS-Themenfeldern zu. Kennzeichnen Sie die Quelle: Bewohnergespräch, Angaben einer Bezugsperson oder Ihre fachliche Einschätzung.
Jede Information sollte dort stehen, wo Sie und Ihr Team sie im Alltag schnell finden. In der Maßnahmenplanung beschreiben Sie das daraus abgeleitete Beziehungsangebot, sein Ziel und die Situation, in der Sie es einsetzen. Halten Sie auch fest, welche Ansprache hilft und wann Sie das Angebot unterbrechen.
Im Berichteblatt dokumentieren Sie relevante Abweichungen und Reaktionen. Wiederholen Sie nicht routinemäßig die gesamte Maßnahmenplanung. Verändert sich ein Bedürfnis dauerhaft, aktualisieren Sie die Einschätzung und die daraus abgeleiteten Maßnahmen.
Der Expertenstandard bietet fachliche Orientierung. Verbindlich wird er erst durch eine Umsetzung nach § 113a SGB XI. [2]
Dokumentationsvorlage und Formulierungshilfen
Nutzen Sie für den Eintrag diese Abfolge: Situation und Zeitpunkt; konkrete Beobachtung oder Aussage der Bewohnerin oder des Bewohners; pflegerische Reaktion; Reaktion der Bewohnerin oder des Bewohners; Bewertung; nächster Schritt.
War eine vertraute Person beteiligt, halten Sie fest, welche Information oder Unterstützung sie beigetragen hat. Biografische Angaben müssen Sie nicht erneut abschreiben. Die Einträge müssen prüfbar, der jeweiligen Situation zuordenbar und für das Team nachvollziehbar sein.
Vermeiden Sie pauschale Bewertungen wie „unkooperativ“ oder „Beziehungsangebot erfolgreich“. Beschreiben Sie das beobachtete Verhalten und die anschließende Handlung.
Formulierungshilfen: äußerte ..., wandte sich ab, als ..., Angebot unterbrochen; erneute Einschätzung vorgesehen bei ...
Tragen Sie nur tatsächlich erhobene Informationen ein. Machen Sie nachvollziehbar, weshalb Sie eine Maßnahme fortführen, verändern oder erneut prüfen. Achten Sie dabei auf eine einheitlich prüfbare Dokumentation für das Team, die Pflegedienstleitung (PDL) und das Qualitätsmanagement (QM).
Den Expertenstandard in der gesamten Einrichtung umsetzen
Verankern Sie die Beziehungsgestaltung mit festen Abläufen im Pflegealltag. Dazu gehören Einschätzung, Planung, Evaluation und Dokumentation.
Prüfen Sie die Umsetzung anhand dieser Checkliste:
- Ist die personzentrierte Haltung im Team abgestimmt?
- Sind die Mitarbeitenden geschult?
- Sind aktuelle Informationen zu den Bewohnerinnen und Bewohnern zugänglich?
- Werden hilfreiche Kontaktangebote in den Übergaben weitergegeben?
- Finden Fallbesprechungen und interne Audits statt?
Schulen Sie die Mitarbeitenden in Kommunikation, psychosozialen Interventionen, digitaler Dokumentation und digitaler Übergabe. Berücksichtigen Sie dabei auch frontotemporale und früh beginnende Demenz. Hinweise zur aktualisierten Fassung veröffentlicht das DNQP. [1][2]
Zuständigkeiten und interne Qualitätsprüfungen
Legen Sie klar fest, wer die geplanten Beziehungsangebote umsetzt und überprüft.
| Rolle | Kernaufgaben |
|---|---|
| Pflegefachkräfte | Einschätzen, planen und evaluieren |
| Pflegeassistenzkräfte | Kontaktangebote umsetzen und Rückmeldungen weitergeben |
| Pflegedienstleitung (PDL) und Qualitätsmanagement (QM) | Schulungen, Ressourcen und interne Audits organisieren |
Prüfen Sie auf dieser Grundlage die Umsetzung mit dem DNQP-Auditinstrument. Beziehen Sie beobachtete Pflegesituationen ein und prüfen Sie nicht nur die Dokumentation. [1][2]
Für die digitale Bereitstellung der Standardinhalte und Instrumente können Sie die DNQP/Leila App nutzen. Der Zugriff erfolgt über eine persönliche ID und einen QR-Code. Die Inhalte lassen sich auf verschiedenen Geräten synchronisieren. [1]
Prüfen Sie zusätzlich an einem einzelnen Fall, ob Einschätzung, Maßnahmen und die Reaktion der Bewohnerin oder des Bewohners zusammenpassen. So sehen Sie, ob die Umsetzung im Einzelfall trägt. Klären Sie Abweichungen in einer Fallbesprechung. [1][2]
FAQs
Wie erkenne ich Beziehungsbedürfnisse ohne verbale Kommunikation?
Schätzen Sie den Unterstützungsbedarf systematisch ein und beobachten Sie, wie Interaktionen verlaufen. Leiten Sie daraus Verstehenshypothesen ab: begründete Annahmen darüber, was die Bewohnerin oder der Bewohner mit Demenz braucht, um sich gehört, verstanden, angenommen und mit anderen verbunden zu fühlen.
Passen Sie Ihre Maßnahmen an die jeweilige Situation, die Bedürfnisse und den wechselnden Zustand der Person an. Dokumentieren Sie nachvollziehbar, wie Sie die Interaktionen gestalten und welche Beobachtungen darauf hinweisen, dass die Maßnahmen die Beziehung fördern.
Wie gehe ich bei Ablehnung notwendiger Pflege vor?
Stellen Sie die personzentrierte Beziehungsgestaltung in den Mittelpunkt. Versuchen Sie zu verstehen, warum die Bewohnerin oder der Bewohner eine Maßnahme ablehnt. Bilden Sie dazu eine Verstehenshypothese: eine begründete Annahme darüber, was hinter der Ablehnung stehen könnte. Passen Sie die geplanten Maßnahmen an die individuellen Bedürfnisse und die aktuelle Situation an.
Dokumentieren Sie nachvollziehbar, wie Sie die Interaktion gestalten. Halten Sie in den Verlaufsbeobachtungen fest, welche Anzeichen dafür sprechen, ob sich die Bewohnerin oder der Bewohner mit Demenz gehört, verstanden, angenommen und mit anderen verbunden fühlt.
Wie setze ich Beziehungsgestaltung unter Zeitdruck um?
Verbinden Sie pflegerische Aufgaben auch unter Zeitdruck mit einer personzentrierten Beziehungsgestaltung. Achten Sie darauf, dass sich Bewohnerinnen und Bewohner mit Demenz gehört, verstanden, angenommen und mit anderen verbunden fühlen.
Planen Sie Maßnahmen anhand einer Verstehenshypothese: einer begründeten Annahme darüber, welche Bedürfnisse oder Ursachen hinter einem Verhalten stehen. Passen Sie die Maßnahmen an individuelle Bedürfnisse und situative Schwankungen an. Dokumentieren Sie nachvollziehbar, wie Sie den Kontakt gestalten und welche Reaktionen Sie beobachten.






