Pflegemodell nach Peplau: Pflege als Beziehung

06.10.2026

Wie Sie Peplaus 4 Phasen und 6 Rollen im SIS-Gespräch nutzen, um beziehungsorientierte, fachlich begründete Pflege zu planen.

Peplaus Pflegemodell beschreibt Pflege als professionellen Beziehungsprozess. Für Sie in der stationären Langzeitpflege heißt das: gemeinsam mit Bewohnerinnen und Bewohnern klären, welche Hilfe sie wünschen, was sie selbst übernehmen können und welche Unterstützung fachlich nötig ist.

Wir ordnen die 4 Phasen und 6 Rollen der Pflegekraft ein und zeigen, wie Sie diese im Gespräch zur Strukturierten Informationssammlung (SIS) nutzen können. Dabei bleibt die Grenze klar: Beziehungsgestaltung ergänzt Ihre fachliche Einschätzung, ersetzt sie aber nicht.

Was eine professionelle Pflegebeziehung ausmacht

Eine professionelle Pflegebeziehung verbindet Respekt, individuelle Unterstützung und gemeinsam vereinbarte Ziele mit klaren Grenzen. Im Mittelpunkt stehen die Bedürfnisse der Bewohnerin oder des Bewohners. Als Pflegekraft tragen Sie Verantwortung dafür, Nähe hilfreich zu gestalten, ohne Abhängigkeit zu verstärken.[1][3] Diese Haltung begleitet alle Phasen der Pflegebeziehung.

Peplau beschrieb Pflege 1952 als therapeutischen zwischenmenschlichen Prozess.[2][3] Im Gespräch zur Strukturierten Informationssammlung (SIS) bedeutet das: Achten Sie darauf, ob Ihr Tonfall, Ihre Erwartungen oder Ihre Ungeduld das Gespräch erleichtern oder erschweren.

Nehmen Sie die Sicht der Bewohnerin oder des Bewohners ernst und beziehen Sie Ihre fachliche Einschätzung ein. Wenn diese von der Sicht der Person abweicht, erklären Sie offen, warum. Suchen Sie gemeinsam nach einer Vereinbarung, die sich im Alltag umsetzen lässt.[1][3][4] So verbinden Sie die Beziehungsgestaltung mit fachlicher Klarheit.

Das Ziel ist nicht vollständige Selbstständigkeit. Es geht darum, dass Bewohnerinnen und Bewohner trotz dauerhaftem Unterstützungsbedarf möglichst viel Verantwortung für ihren eigenen Alltag behalten.[1][3][4]

Professionelle Nähe braucht Grenzen. Bevorzugen Sie keine Bewohnerin und keinen Bewohner. Belasten Sie niemanden mit privaten Problemen oder Konflikten im Team.[1] Wie sich diese Haltung im Verlauf zeigt, beschreiben die vier Phasen der Pflegebeziehung.

Die 4 Phasen der Pflegebeziehung

Peplau: Die 4 Phasen der Pflegebeziehung

Peplau: Die 4 Phasen der Pflegebeziehung

Peplaus Modell von 1952 beschreibt 4 Phasen: Orientierung, Identifikation, Nutzung und Ablösung. Sie reichen vom ersten Hilfebedarf bis zum Abschluss der Pflegebeziehung.[1][3] Im Gespräch zur Strukturierten Informationssammlung (SIS) in der stationären Langzeitpflege helfen Ihnen die Phasen, den Gesprächsverlauf und den Unterstützungsbedarf einzuordnen.

Phase Was geschieht? Pflegerische Aufgabe Schwerpunkt im Gespräch
Orientierung Die Bewohnerin oder der Bewohner sucht Hilfe. Gemeinsam mit der Pflegekraft wird das Problem geklärt. SIS-Gespräch führen, Unterstützungsbedarf erfassen und Erwartungen klären. Zuhören, sich und die eigene Aufgabe vorstellen, informieren.
Identifikation Vertrauen und Bindung entstehen. Die Bewohnerin oder der Bewohner beteiligt sich an der Zielklärung. Gefühle ernst nehmen, Ziele vereinbaren und die Pflegeplanung aufbauen. Befürchtungen ansprechen, Wünsche aufnehmen und Rollen klären.
Nutzung Die Bewohnerin oder der Bewohner nutzt Hilfen und eigene Ressourcen, um die vereinbarten Ziele zu erreichen. Pflege umsetzen, Selbstbestimmung fördern und die Planung bei Bedarf anpassen. Anleiten, Rückmeldung einholen und Entscheidungen unterstützen.
Ablösung Die erreichten Ziele werden ausgewertet. Die Bewohnerin oder der Bewohner löst sich aus der Pflegebeziehung. Ergebnisse bewerten, erworbene Fähigkeiten festigen und den Abschluss begleiten. Erfolge reflektieren, verbleibenden Hilfebedarf klären und Übergänge besprechen.

Mit Nutzung meint Peplau die aktive Nutzung angebotener Hilfen. Spätere Darstellungen fassen Identifikation und Nutzung oft als Arbeitsphase zusammen. Diese Zusammenfassung stammt nicht aus dem ursprünglichen Vier-Phasen-Modell.[1][3]

Die Phasen folgen keinem starren Ablauf. Beim Einzug steht die Orientierung im Vordergrund. Verändert sich der Gesundheitszustand oder wechselt die Bezugspflegekraft, kann sie erneut beginnen. Auch eine andere frühere Phase kann wieder einsetzen. In der Langzeitpflege kann Ablösung den Abschluss eines Teilziels oder den Wechsel der Versorgungsform bedeuten.[1][3][4]

Welche Rolle die Pflegekraft in den einzelnen Phasen übernimmt, zeigt der nächste Abschnitt.

Die 6 Rollen der Pflegekraft und ihre Grenzen

Peplau beschreibt 6 situative Rollen: Fremde, Auskunftsperson, Lehrende, Führungsperson, Stellvertreterin und Beraterin. Je nach Phase der Pflegebeziehung und Unterstützungsbedarf wechseln oder überschneiden sich diese Rollen. Sie helfen Ihnen, die Beziehung professionell statt privat zu gestalten.[1][4]

Rolle Zweck in der Pflegebeziehung Praktische Grenze
Fremde Bewohnerinnen und Bewohnern offen und respektvoll begegnen. Keine private Nähe aufbauen.
Auskunftsperson Fragen beantworten und Informationen für Entscheidungen geben. Nicht für die Bewohnerin oder den Bewohner entscheiden.
Lehrende Wissen und Fähigkeiten vermitteln, um Selbstständigkeit zu unterstützen. Lerntempo und Verständnis berücksichtigen, nicht belehren.
Führungsperson Orientierung geben und zur Beteiligung an der Pflege ermutigen. Zusammenarbeiten, nicht kontrollieren.
Stellvertreterin Übertragene Gefühle aufnehmen, etwa Abhängigkeit oder Hilflosigkeit. Keine Familienrolle übernehmen oder Abhängigkeit fördern.
Beraterin Situation, Gefühle und Belastungen gemeinsam einordnen. Pflegerische Beratung ist keine Psychotherapie.

Auch im Gespräch zur Strukturierten Informationssammlung (SIS) wechseln diese Rollen je nach Anlass und Gesprächsverlauf. Prüfen Sie zunächst, was die Bewohnerin oder der Bewohner gerade braucht: Informationen, emotionale Entlastung oder Unterstützung bei einer Entscheidung.[1][3]

Peplaus Modell im SIS-Gespräch nutzen

Peplaus Modell hilft Ihnen, im SIS-Gespräch gemeinsam Wünsche und Unterstützungsbedarf zu klären. Damit unterstützt es den personenzentrierten Ansatz des Strukturmodells.[1][3][4] Es ergänzt das Strukturmodell, ersetzt es jedoch nicht. Beziehen Sie auch die Perspektiven von Friedemann und Orem ein.

Gespräch eröffnen und Wichtiges klären

Stellen Sie sich vor und erläutern Sie den Zweck des Gesprächs. Dafür können Sie folgende Formulierung nutzen:

Ich möchte mit Ihnen besprechen, was Ihnen im Alltag wichtig ist und wobei Sie Unterstützung wünschen. Können wir jetzt beginnen?

Fragen Sie anschließend:

Was ist Ihnen heute besonders wichtig?

Fassen Sie die Antwort in eigenen Worten zusammen. Fragen Sie nach, ob Sie die Bewohnerin oder den Bewohner richtig verstanden haben. So beginnen Sie offen und bleiben beim Anliegen der Person. Klären Sie danach, was sie selbst übernehmen kann.

Fähigkeiten und Unterstützung klären

Fragen Sie nach Fähigkeiten, Gewohnheiten und gewünschter Hilfe:

Was möchten Sie selbst übernehmen?

Wann wünschen Sie Unterstützung?

Wünsche ersetzen keine Risikoeinschätzung. Vereinbaren Sie eine Unterstützung, die fachlich vertretbar ist und im Alltag passt.[3][4] Halten Sie die Absprachen anschließend schriftlich fest.

Erkenntnisse dokumentieren und Vereinbarungen überprüfen

Dokumentieren Sie Wünsche und fachliche Einschätzungen in der SIS. Übertragen Sie die vereinbarte Unterstützung in die Maßnahmenplanung. Halten Sie Beobachtungen, Änderungen und das Zustandekommen der Absprachen im bestehenden Dokumentationssystem fest.

Prüfen Sie, ob die Ziele erreicht wurden und welche Unterstützung weiterhin benötigt wird. Passen Sie die Planung bei Bedarf an.[3][4]

Beziehungsorientierte Gespräche im Pflegeheim

Beim Einzug, bei Veränderungen und in Konflikten können Peplaus Phasen erneut auftreten. Sie helfen Ihnen, Gespräche zu gestalten und die Strukturierte Informationssammlung (SIS) aktuell zu halten.[1][3]

Einzug, gesundheitliche Veränderungen und Personalwechsel

Beim Einzug, bei veränderter Mobilität oder beim Wechsel der Bezugspflegekraft steht die Orientierung im Vordergrund. Fragen Sie die Bewohnerin oder den Bewohner, was Sicherheit gibt. Prüfen Sie dabei, ob die SIS aktualisiert werden muss.

Dokumentieren Sie konkrete Absprachen und geben Sie diese an die neue Bezugspflegekraft weiter. Diese stellt sich vor und überprüft die Absprachen. Wenn die Verständigung erschwert ist, passen Sie das Gespräch entsprechend an.[1][4]

Kommunikationsbedarf und Einbindung von Angehörigen

In Ihrer Rolle als Auskunftsperson und Lehrende stimmen Sie Sprache und Tempo auf die Bewohnerin oder den Bewohner ab. Besprechen Sie bei kognitiven Schwierigkeiten ein Anliegen pro Gespräch. Nutzen Sie bei Bedarf schriftliche oder bildliche Hilfen.

Angehörige können Angaben zu Gewohnheiten und biografischen Hintergründen ergänzen. Sprechen Sie dennoch zuerst die Bewohnerin oder den Bewohner an. Bei stark eingeschränkter Kommunikation passen Sie sowohl die Gesprächsform als auch die Dokumentation an.[3][4]

Auf Ablehnung, Angst und Rückzug reagieren

In der Rolle der Beraterin benennen Sie Gefühle, ohne deren Ursachen zu unterstellen. Fragen Sie nach Befürchtungen oder Gründen für die Ablehnung. Prüfen Sie auch, ob Ihre Erklärung verstanden wurde.

Bei starker Angst stellen Sie ausführliche Erklärungen zurück. Bleiben Sie ansprechbar und vermeiden Sie Druck.[3]

Kurzcheck für das Team:

  • Wird die Sicht der Bewohnerin oder des Bewohners deutlich?
  • Sind die Fragen auf die Person abgestimmt?
  • Konnte die Person mitentscheiden?
  • Sind die Vereinbarungen sachlich dokumentiert?[1][3][4]

Professionelle Grenzen und Ihr nächster Schritt

Nach der Gesprächsführung im Rahmen der SIS stehen die fachlichen Grenzen der Beziehung im Mittelpunkt. Peplau ergänzt Ihr fachliches Urteil, ersetzt es aber nicht. Pflegebedarf, Risiken und Maßnahmen beurteilen Sie weiterhin eigenständig.[2][3]

Klare Grenzen schützen die Beziehung. Sie sichern Vertrauen, Selbstbestimmung und Verlässlichkeit. Vertrauen ersetzt keine Einwilligung in medizinische Maßnahmen. Vertrauliche Informationen dürfen Sie nur mit Einwilligung oder auf einer Rechtsgrundlage an Angehörige weitergeben. Private Probleme und Teamkonflikte gehören nicht in Gespräche mit Bewohnerinnen und Bewohnern.[1][2]

Prüfen Sie im nächsten Gespräch drei Punkte:

  • Welche Rolle habe ich übernommen?
  • Habe ich die Selbstbestimmung gestärkt oder Abhängigkeit gefördert?
  • Sind Unterstützung und Folgeschritte klar vereinbart?

Halten Sie fest, was das Vertrauen gefördert hat, welche Konflikte sichtbar wurden und welche nächsten Schritte vereinbart sind.[1][4]

Für die Einordnung des Gesprächs im Team können Orem, Friedemann und die Bezugspflege als Rahmen dienen.[3]

FAQs

Wie nutze ich Peplaus Modell bei Demenz?

Mit Peplaus Modell gestalten Sie die Beziehung zu Bewohnerinnen und Bewohnern gezielt und bauen Vertrauen auf. Im Mittelpunkt stehen der gemeinsam ermittelte Unterstützungsbedarf und die Beteiligung der jeweiligen Person. Die Rollen der Pflegekraft helfen Ihnen, Gespräche personenzentriert zu führen, etwa bei der Strukturierten Informationssammlung (SIS).

Das Modell setzt Kommunikationsfähigkeit voraus. Bei schwerer Demenz lässt es sich deshalb nur eingeschränkt anwenden.

Wie gehe ich mit Wünschen um, die Pflegerisiken erhöhen?

Klären Sie im Gespräch mit der pflegebedürftigen Person, welche Wünsche und Pflegerisiken bestehen. Nach Peplau ist diese gemeinsame Einschätzung Teil der professionellen Pflegebeziehung. Sie übernehmen dabei unter anderem eine beratende Rolle.

Die vier Phasen Orientierung, Identifikation, Nutzungsphase und Ablösungsphase strukturieren das Gespräch. Sie unterstützen Sie dabei, die Situation einzuschätzen, Vertrauen aufzubauen und Probleme zu benennen. Darauf aufbauend planen Sie gemeinsam die Pflege und reflektieren sie. Das gilt auch für das SIS-Gespräch.

Wie gestalte ich die Ablösung bei dauerhaftem Pflegebedarf?

In der Ablösungsphase nach Peplau prüfen Sie die Ergebnisse der Pflege. Sie unterstützen die Bewohnerinnen und Bewohner dabei, im Alltag mehr Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Dazu setzen Sie Ihre Beraterrolle, Ihre Lehrerrolle und die partnerschaftliche Führung ein.

Die Ablösung ist die letzte der vier Phasen der Pflegebeziehung. Zuvor durchlaufen Sie die Orientierung, die Identifikation und die Nutzungsphase. Grundlage ist eine professionell gestaltete Beziehung, die Lernen und Gesundheit im Alltag unterstützt.

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