Pflegeprozess: 4 Phasen nach WHO und 6 Schritte nach Fiechter & Meier

02.02.2026

Pflegeprozess einfach erklärt: 4 Phasen nach WHO, 6 Schritte nach Fiechter und Meier, Unterschiede, SIS-Bezug und Fallbeispiel aus dem Pflegeheim.

Der Pflegeprozess ist die Arbeitsmethode, nach der Pflegefachkräfte Pflege planen, durchführen und überprüfen. In Deutschland sind 2 Modelle verbreitet: das 4-Phasen-Modell der WHO und das 6-Schritte-Modell nach Fiechter und Meier. Beide beschreiben denselben Regelkreis. Das 6-Schritte-Modell teilt ihn nur feiner auf. Dieser Beitrag erklärt beide Modelle, zeigt die Unterschiede und ordnet sie in den Alltag im Pflegeheim mit dem Strukturmodell (SIS) ein.

Pflegeprozess auf einen Blick: 4 Phasen und 6 Schritte

6 Schritte (Fiechter und Meier)Phase im 4-Phasen-Modell (WHO)Leitfrage
1. Informationssammlung1. AssessmentWas wissen wir über den Menschen?
2. Probleme und Ressourcen erkennen1. AssessmentWelche Probleme und Fähigkeiten gibt es?
3. Pflegeziele festlegen2. PlanungWas soll bis wann erreicht werden?
4. Maßnahmen planen2. PlanungWer tut was, wann und wie oft?
5. Maßnahmen durchführen3. DurchführungWird die Planung umgesetzt?
6. Wirkung beurteilen4. EvaluationHat die Pflege gewirkt?

Was ist der Pflegeprozess?

Der Pflegeprozess ist ein systematisches Vorgehen, um Pflegeprobleme zu lösen. Die Pflegefachkraft sammelt Informationen, erkennt Probleme und Ressourcen, legt Ziele und Maßnahmen fest, setzt sie um und prüft das Ergebnis. Aus dem Ergebnis folgen neue Informationen. Deshalb spricht man von einem Regelkreis.

Der Medizinische Dienst der Spitzenverbände (MDS) beschreibt den Pflegeprozess in seiner Grundsatzstellungnahme als Problemlösungs- und Beziehungsprozess. Seine Schritte bauen aufeinander auf und beeinflussen sich gegenseitig. Als Ziele nennt der MDS unter anderem:

  • Sicherheit für die pflegebedürftige Person im Pflegeverlauf
  • Einbeziehung der pflegebedürftigen Person und ihrer Angehörigen
  • personelle und fachliche Kontinuität über alle Schichten
  • Sicherung der Pflegequalität
  • Informationsfluss im Team und mit anderen Berufsgruppen
  • nachvollziehbare Darstellung der Leistungen, auch als Nachweis im Streitfall

Wer ist für den Pflegeprozess verantwortlich?

Das Pflegeberufegesetz regelt das in § 4 als Pflegeprozessverantwortung. Die Erhebung des Pflegebedarfs, die Planung der Pflege, die Steuerung des Pflegeprozesses und die Evaluation der Pflegequalität sind Pflegefachpersonen vorbehalten. Pflegehilfskräfte und Betreuungskräfte wirken bei der Durchführung mit und liefern wichtige Beobachtungen. Die Verantwortung für den Prozess bleibt bei der Pflegefachkraft.

Für Pflegeeinrichtungen verlangt außerdem § 113 SGB XI, dass die Maßstäbe und Grundsätze zur Pflegequalität die Pflegeprozessverantwortung und eine Pflegedokumentation regeln, die den Pflegeprozess unterstützt.

Pflegeprozess nach WHO: die 4 Phasen

Das 4-Phasen-Modell geht auf die US-amerikanischen Pflegewissenschaftlerinnen Helen Yura und Mary B. Walsh zurück. Nach der Grundsatzstellungnahme des MDS diente es der Weltgesundheitsorganisation (WHO) 1974 als Vorlage, um den Pflegeprozess als Bestandteil der pflegerischen Arbeit festzuschreiben. Deshalb heißt es meist „Pflegeprozess nach WHO“. Auch das Strukturmodell zur Entbürokratisierung der Pflegedokumentation baut auf diesen 4 Phasen auf.

Phase 1: Assessment

Im Assessment erfasst die Pflegefachkraft die Situation der pflegebedürftigen Person. Dazu gehören Gesundheitszustand, Fähigkeiten, Einschränkungen, Gewohnheiten, Wünsche und Risiken. Quellen sind das Gespräch mit dem Bewohner, eigene Beobachtungen, Angehörige, Arztbriefe und Assessmentinstrumente. Aus diesen Informationen leitet sie den Pflegebedarf ab.

Phase 2: Planung

In der Planung legt die Pflegefachkraft fest, was erreicht werden soll und welche Maßnahmen dazu nötig sind. Die Planung wird mit dem Bewohner abgestimmt. Sie muss so konkret sein, dass jede Kollegin in jeder Schicht weiß, was zu tun ist.

Phase 3: Durchführung

Das Team setzt die geplanten Maßnahmen um. Es beobachtet dabei, wie der Bewohner reagiert, und dokumentiert Abweichungen und besondere Ereignisse. Diese Einträge sind die Grundlage für die Evaluation.

Phase 4: Evaluation

In der Evaluation prüft die Pflegefachkraft, ob die Maßnahmen gewirkt haben. Wenn ja, wird die Planung beibehalten. Wenn nein, beginnt der Kreislauf neu: Informationen ergänzen, Planung anpassen, erneut umsetzen. Mehr dazu lesen Sie im Beitrag Pflegeevaluation: Pflegeziele und Maßnahmen überprüfen.

Pflegeprozess nach Fiechter und Meier: die 6 Schritte

Das 6-Schritte-Modell stammt von den Schweizer Pflegefachfrauen Verena Fiechter und Martha Meier. Sie haben es in ihrem Buch „Pflegeplanung. Eine Anleitung für die Praxis“ beschrieben. Der MDS bezeichnet es in seiner Grundsatzstellungnahme als das in Deutschland am weitesten verbreitete Modell. Viele Lehrbücher und Ausbildungen arbeiten damit.

Schritt 1: Informationssammlung

Der erste Schritt ist die Pflegeanamnese. Die Pflegefachkraft sammelt alle Informationen, die für die Pflege wichtig sind.

  • Direkte Informationen: Aussagen und Beobachtungen des Bewohners selbst.
  • Indirekte Informationen: Angaben von Angehörigen, Ärzten und Therapeuten, Arztbriefe, Überleitungsbögen, Biografie.
  • Objektive Daten: messbare Werte wie Blutdruck, Gewicht oder Trinkmenge.
  • Subjektive Daten: Empfinden, Wünsche und Erfahrungen des Bewohners.

Das Aufnahmegespräch findet in ruhiger Atmosphäre statt. Die Informationssammlung endet nicht mit der Aufnahme. Sie wird im Verlauf ergänzt, sobald sich etwas verändert.

Schritt 2: Probleme und Ressourcen erkennen

Die Pflegefachkraft wertet die Informationen aus. Sie beschreibt, welche Pflegeprobleme bestehen und welche Fähigkeiten der Bewohner noch hat.

  • Aktuelle Probleme bestehen bereits, zum Beispiel eine geringe Trinkmenge.
  • Potenzielle Probleme sind Risiken, die entstehen können, zum Beispiel eine Exsikkose.
  • Verdeckte Probleme sind nicht sofort sichtbar oder werden nicht ausgesprochen, zum Beispiel Angst oder familiäre Konflikte.
  • Generelle Probleme betreffen viele Menschen in derselben Lage, zum Beispiel die Dekubitusgefahr bei Bettlägerigkeit. Individuelle Probleme betreffen nur diese Person.

Ressourcen sind körperliche, geistige, seelische und soziale Fähigkeiten. Beispiele: Der Bewohner kämmt sich selbst, trifft eigene Entscheidungen oder wird von seiner Tochter besucht. Für eine klare Problembeschreibung eignet sich das PESR-Schema mit Problem, Einflussfaktoren, Symptomen und Ressourcen.

Schritt 3: Pflegeziele festlegen

Aus jedem Problem folgt ein Ziel. Gute Pflegeziele sind konkret, messbar, realistisch und terminiert. Man unterscheidet Nahziele (Tage bis Wochen) und Fernziele (Wochen bis Monate). In der Langzeitpflege sind Ziele oft auf Erhalt und Stabilisierung ausgerichtet.

Beispiel: „Frau K. trinkt bis zum 15.10. täglich mindestens 1.200 ml.“ Die Menge legt die Pflegefachkraft nach ärztlicher Rücksprache fest.

Schritt 4: Pflegemaßnahmen planen

Die Maßnahmen beschreiben, was getan wird, wer es tut, wann, wie oft und wie. Sie nutzen die Ressourcen des Bewohners. Eine Maßnahme ist gut formuliert, wenn eine Kollegin im Spätdienst sie ohne Rückfrage umsetzen kann.

Schritt 5: Maßnahmen durchführen

Das Team setzt die Planung um. Es dokumentiert Abweichungen, Reaktionen des Bewohners und neue Beobachtungen. Wenn eine Maßnahme im Alltag nicht funktioniert, gehört das in die Dokumentation und in die Übergabe.

Schritt 6: Wirkung beurteilen

Die Pflegefachkraft prüft, ob das Ziel erreicht wurde. Wenn nicht, klärt sie die Ursache:

  • War das Ziel realistisch?
  • Waren die Informationen vollständig?
  • Passten die Maßnahmen, und wurden sie so umgesetzt wie geplant?
  • Gibt es neue Probleme oder ungenutzte Ressourcen?

Aus den Antworten folgt die Anpassung der Planung. Der Kreislauf beginnt erneut. Eine vertiefte Darstellung der 6 Schritte aus Sicht von Leitung und Qualitätsmanagement finden Sie im Beitrag Pflegeprozess nach Fiechter und Meier.

4 Phasen oder 6 Schritte: Wo liegt der Unterschied?

Inhaltlich beschreiben beide Modelle denselben Ablauf. Das 6-Schritte-Modell macht 2 Teilschritte sichtbar, die im 4-Phasen-Modell enthalten sind:

  • Das Erkennen von Problemen und Ressourcen ist im 4-Phasen-Modell Teil des Assessments.
  • Das Festlegen der Pflegeziele ist im 4-Phasen-Modell Teil der Planung.

Daneben gibt es 5-Schritte-Modelle. Sie fügen nach dem Assessment eine eigene Phase für die Pflegediagnose ein.

Merkmal4-Phasen-Modell (WHO)6-Schritte-Modell (Fiechter und Meier)
HerkunftYura und Walsh, von der WHO übernommenFiechter und Meier, Schweiz
Probleme und Zielein Assessment und Planung enthalteneigene Schritte
Typischer EinsatzStrukturmodell (SIS) in Pflegeheimen und ambulanten DienstenAusbildung, klassische Pflegeplanung mit Pflegeproblemen und Zielen
Dokumentationschlank, Fokus auf Abweichungenausführlicher, jedes Problem mit Ziel und Maßnahme

Welches Modell Ihre Einrichtung nutzt, steht in der Verfahrensanweisung zur Pflegedokumentation. Für Prüfungen durch den Medizinischen Dienst zählt, dass der Prozess vollständig und nachvollziehbar abgebildet ist.

Pflegeprozess und SIS im Pflegeheim

Nach Angaben des Projektbüros EinSTEP nutzt die Mehrheit der Pflegeeinrichtungen das Strukturmodell. Es basiert laut EinSTEP auf dem 4-phasigen Pflegeprozess nach Yura und Walsh. Die Schritte 2 und 3 des 6-Schritte-Modells entfallen als eigene Dokumentationsschritte. Die Einschätzung von Problemen, Ressourcen und Risiken findet in der SIS statt.

Phase des PflegeprozessesElement im Strukturmodell
1. AssessmentStrukturierte Informationssammlung (SIS) mit Sicht der pflegebedürftigen Person, 6 Themenfeldern und Risikomatrix
2. Planungindividuelle Maßnahmenplanung
3. DurchführungBerichteblatt mit Fokus auf Abweichungen und aktuelle Ereignisse
4. EvaluationEvaluation mit festgelegten Zeitpunkten und bei Anlass

Wie Sie die SIS Schritt für Schritt ausfüllen, lesen Sie in der Anleitung zum Ausfüllen der SIS. Einen Überblick über das Modell gibt der Beitrag SIS Pflegeplanung: Einführung in das Strukturmodell.

Fallbeispiel: Pflegeprozess in 6 Schritten

Frau K., 84 Jahre, lebt seit 2 Wochen im Wohnbereich. Sie trinkt wenig und wirkt am Nachmittag müde.

SchrittBeispiel
1. InformationssammlungFrau K. sagt, sie habe keinen Durst. Trinkprotokoll über 3 Tage: 700 bis 900 ml pro Tag. Mundschleimhaut trocken. Sie trinkt gern Früchtetee. Die Tochter besucht sie täglich.
2. Probleme und RessourcenProblem: zu geringe Flüssigkeitsaufnahme wegen fehlenden Durstgefühls, Risiko einer Exsikkose. Ressourcen: trinkt selbstständig aus dem Becher, mag Früchtetee, Tochter unterstützt.
3. PflegezielFrau K. trinkt ab sofort täglich mindestens 1.200 ml (Menge nach ärztlicher Rücksprache). Überprüfung nach 2 Wochen.
4. MaßnahmenGetränk bei jedem Kontakt anbieten, Früchtetee am Nachmittag, Becher in Reichweite stellen, Tochter bei Besuchen einbeziehen, Trinkmenge für 2 Wochen erfassen.
5. DurchführungDas Team setzt die Maßnahmen um und dokumentiert Abweichungen, zum Beispiel wenn Frau K. ein Getränk ablehnt.
6. EvaluationNach 2 Wochen: durchschnittlich 1.250 ml pro Tag, Mundschleimhaut feucht, weniger Müdigkeit. Ziel erreicht, Trinkprotokoll wird beendet, Maßnahmen bleiben.

Im Strukturmodell würde die Pflegefachkraft die Informationen aus Schritt 1 und 2 in der SIS festhalten, die Maßnahmen aus Schritt 4 in der Maßnahmenplanung und nur Abweichungen im Berichteblatt.

Häufige Fehler im Pflegeprozess

  • Informationen bleiben verstreut. Eine Beobachtung steht in der Übergabe, aber nicht in der Dokumentation.
  • Probleme sind vage. „Braucht Hilfe“ sagt nicht, welches Problem vorliegt und warum.
  • Ressourcen fehlen. Dann bauen Maßnahmen nicht auf dem auf, was der Bewohner selbst kann.
  • Ziele sind nicht überprüfbar. „Mobilität verbessern“ lässt keine Evaluation zu.
  • Maßnahmen wiederholen das Ziel. Es fehlt, wer was wann tut.
  • Evaluation bleibt ohne Folgen. Das Ergebnis führt nicht zu einer Anpassung der Planung.

Wie Planung und tatsächliche Versorgung auseinanderlaufen können, zeigt der Beitrag Abweichungen zwischen Pflegeplanung und tatsächlicher Versorgung.

Den Pflegeprozess digital dokumentieren

Die fachliche Einschätzung bleibt bei der Pflegefachkraft. Digitale Werkzeuge helfen, dass Informationen vollständig und rechtzeitig in der Dokumentation stehen. dexter.sis erstellt aus dem Bewohnergespräch einen Entwurf der SIS, den die Pflegefachkraft prüft und anpasst. Mit dexter.mobile dokumentieren Pflegekräfte Beobachtungen und Abweichungen per Sprache direkt nach der Maßnahme.

Häufige Fragen zum Pflegeprozess

Was ist der Pflegeprozess einfach erklärt?

Der Pflegeprozess ist ein Kreislauf aus Einschätzen, Planen, Durchführen und Überprüfen. Er sorgt dafür, dass Pflege begründet, abgestimmt und nachvollziehbar ist.

Hat der Pflegeprozess 4 oder 6 Schritte?

Beides ist richtig. Das Modell der WHO hat 4 Phasen, das Modell nach Fiechter und Meier 6 Schritte. Das 6-Schritte-Modell trennt das Erkennen von Problemen und Ressourcen sowie das Festlegen der Ziele als eigene Schritte ab.

Wie heißen die 6 Schritte des Pflegeprozesses?

Informationssammlung, Erkennen von Problemen und Ressourcen, Festlegen der Pflegeziele, Planen der Maßnahmen, Durchführen der Maßnahmen und Beurteilen der Wirkung.

Wer darf den Pflegeprozess steuern?

Nach § 4 Pflegeberufegesetz ist die Steuerung des Pflegeprozesses Pflegefachpersonen mit Berufserlaubnis vorbehalten. Andere Mitarbeitende wirken bei der Durchführung mit.

Welches Modell nutzt die SIS?

Das Strukturmodell mit der SIS basiert auf dem 4-Phasen-Modell. Probleme, Ressourcen und Risiken werden in der SIS eingeschätzt, ohne eigene Schritte für Pflegeprobleme und Ziele.

Wie oft wird der Pflegeprozess evaluiert?

Das Gesetz nennt keine feste Frist. Die Einrichtung legt Evaluationszeitpunkte fest. Zusätzlich wird evaluiert, wenn sich der Zustand des Bewohners verändert, zum Beispiel nach einem Sturz oder einem Krankenhausaufenthalt.

Videos zum Pflegeprozess

Quelle: „Pflegeprozess kurz & einfach“, Pflegerelevant, YouTube, 26.07.2023

Quelle: „Pflegeprozess: Die Schritte Teil 1“, Pflege Kanal, YouTube, 16.04.2017

Quellen

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