PESR-Schema einfach erklärt: Pflegediagnosen richtig formulieren

Pflegekraft erläutert einer Bewohnerin am Tablet das PESR-Schema: Problem, Einflussfaktoren, Symptome, Ressourcen
19.07.2026

PESR-Schema einfach erklärt: Problem, Einflussfaktoren, Symptome, Ressourcen. Mit Formel, Beispielen aus dem Pflegeheim und Bezug zu NANDA-I und SIS.

Das PESR-Schema ist eine Formulierungshilfe für Pflegeprobleme und Pflegediagnosen. Es gliedert jede Problembeschreibung in 4 Teile: Problem, Einflussfaktoren, Symptome und Ressourcen. So wird aus einzelnen Beobachtungen eine Aussage, aus der sich Ziele und Maßnahmen ableiten lassen und die in der Dokumentation nachvollziehbar ist. Dieser Beitrag erklärt die 4 Bestandteile, die Formel für den PESR-Satz, typische Beispiele aus dem Pflegeheim und den Bezug zu NANDA-I und SIS.

Was ist das PESR-Schema?

PESR steht für die 4 Bausteine einer vollständigen Problembeschreibung. Jeder Baustein beantwortet eine Frage.

BausteinBedeutungLeitfrageTypische Einleitung
PProblem (Pflegediagnose)Was hat die Person?Titel des Problems
EEinflussfaktoren, Ursachen (englisch: Etiology)Warum hat sie es?„bedingt durch“, „in Verbindung mit“
SSymptome, MerkmaleWie zeigt es sich?„erkennbar an“, „äußert sich durch“
RRessourcenWelche Fähigkeiten und Hilfen hat sie?„Ressourcen:“, „kann“, „wird unterstützt durch“

Die Leitfragen stammen aus der Grundsatzstellungnahme „Pflegeprozess und Dokumentation“ des Medizinischen Dienstes der Spitzenverbände (MDS). Der MDS beschreibt das PESR-Schema dort als nützliche Strukturhilfe, auch unabhängig davon, ob eine Einrichtung mit formalen Pflegediagnosen arbeitet.

PES-Schema und PESR-Schema: Herkunft und Unterschied

Das PES-Format stammt aus der Diskussion um Pflegediagnosen in den USA und ist eng mit der Pflegewissenschaftlerin Marjory Gordon verbunden. Es besteht aus Problem, Ätiologie und Symptomen. Im deutschsprachigen Raum wurde es um das R für Ressourcen ergänzt. Der Grund: Pflegeziele und Maßnahmen sollen auf dem aufbauen, was die Person selbst kann und was ihr Umfeld leistet.

In der Klassifikation von NANDA International (NANDA-I) heißen die Bausteine etwas anders:

  • Pflegediagnosetitel entspricht P.
  • Beeinflussende Faktoren entsprechen E. Bei Risikodiagnosen heißen sie Risikofaktoren.
  • Bestimmende Merkmale entsprechen S.

Ressourcen sind in der NANDA-I-Klassifikation kein eigener Baustein. Das PESR-Schema ergänzt sie für die Pflegeplanung. Einen Überblick über die Klassifikation gibt der Beitrag NANDA-Pflegediagnosen einfach erklärt.

Die 4 Bestandteile im Detail

P: Das Pflegeproblem benennen

Das P ist der Titel der Pflegediagnose. Es beschreibt eine Reaktion des Menschen auf seine Situation, die Pflege beeinflussen kann. Eine medizinische Diagnose gehört nicht an diese Stelle. Statt „Arthrose“ steht dort zum Beispiel „beeinträchtigte körperliche Mobilität“. Statt „Demenz“ steht dort zum Beispiel „Selbstversorgungsdefizit Körperpflege“.

Prüffrage: Kann die Pflege dieses Problem direkt beeinflussen? Wenn ja, passt es in eine Pflegediagnose. Formulieren Sie pro Diagnose nur 1 Problem.

E: Einflussfaktoren und Ursachen angeben

Das E erklärt, warum das Problem besteht. Die Einflussfaktoren stammen aus der Informationssammlung, aus Assessments und aus Gesprächen. Beispiele: Schmerzen bei Belastung, Muskelschwäche, Sturzangst, fehlendes Durstgefühl, fehlende Hilfsmittel.

Eine medizinische Diagnose kann als Einflussfaktor genannt werden, wenn sie das Problem erklärt, zum Beispiel „bedingt durch Schmerzen bei Kniearthrose“. Wichtig ist, dass jeder Einflussfaktor erkennbar zum Problem passt. Nennen Sie vor allem Faktoren, an denen die Pflege ansetzen kann.

S: Symptome konkret und messbar beschreiben

Das S belegt, warum die Diagnose gestellt wird. Hier stehen Beobachtungen, Messwerte und Aussagen der Person. Vage Angaben wie „trinkt wenig“ oder „läuft schlecht“ reichen nicht. Konkrete Angaben machen die Diagnose prüfbar:

  • „Trinkmenge laut Protokoll 700 bis 900 ml pro Tag an 3 Tagen“
  • „Transfer Bett zu Stuhl nur mit Unterstützung durch 1 Pflegekraft“
  • „Schmerz 6 von 10 auf der Numerischen Rating-Skala (NRS) bei Belastung“
  • „2 dokumentierte Stürze in den letzten 6 Wochen“

Jedes Symptom, das in der Diagnose steht, muss sich in der Dokumentation wiederfinden: in der SIS, im Berichteblatt oder in einem Assessment.

R: Ressourcen nutzbar festhalten

Das R beschreibt, was die Person trotz des Problems kann und welche Hilfe aus ihrem Umfeld kommt. Ressourcen sind der Ansatzpunkt für Ziele und Maßnahmen. Formulieren Sie sie positiv und konkret:

  • „nutzt den Rollator sicher auf dem Flur“
  • „trinkt gern warmen Früchtetee am Nachmittag“
  • „Tochter besucht täglich und bringt Getränke mit“
  • „ruft bei Bedarf zuverlässig über die Klingel“

„Ressourcen: keine“ ist fast nie zutreffend. Auch bei stark eingeschränkten Menschen gibt es Fähigkeiten, etwa eine Reaktion auf vertraute Stimmen oder die Fähigkeit, den Kopf zu drehen. Mehr dazu lesen Sie im Beitrag Problem, Ursache, Symptome und Ressourcen richtig unterscheiden.

BausteinGehört hineinGehört nicht hinein
PPflegeproblem als Reaktion des MenschenKrankheitsnamen, Ursachen, Maßnahmen
EUrsachen, die das Problem erklärenSymptome, Ressourcen
SBeobachtungen, Messwerte, AussagenVermutungen, Bewertungen ohne Beleg
RFähigkeiten, Motivation, UnterstützungDefizite, allgemeine Floskeln

Die PESR-Formel: So formulieren Sie den Satz

Für den fertigen Satz hat sich dieses Muster bewährt:

[Problem] bedingt durch [Einflussfaktoren], erkennbar an [Symptomen]. Ressourcen: [Ressourcen].

So klingt das in der Praxis:

Frau S. hat eine zu geringe Flüssigkeitsaufnahme, bedingt durch fehlendes Durstgefühl und Schluckbeschwerden bei dünnflüssigen Getränken, erkennbar an einer Trinkmenge von 700 bis 900 ml pro Tag laut Protokoll und trockener Mundschleimhaut. Ressourcen: trinkt angedickte Getränke selbstständig aus dem Becher, mag warmen Tee, Tochter unterstützt bei Besuchen.

Der Satz bündelt alles an einem Ort: das Problem, die Gründe, die Belege und das, worauf die Pflege aufbauen kann. In der Pflegeplanung können Sie die 4 Teile auch untereinander schreiben.

PESR-Schema: Beispiele aus dem Pflegeheim

Die folgenden Beispiele sind Muster. Die Struktur bleibt gleich, der Inhalt muss zur einzelnen Person passen. Die Problemtitel orientieren sich an gängigen Formulierungen. Wenn Ihre Einrichtung mit NANDA-I arbeitet, verwenden Sie die Titel der aktuellen Ausgabe.

SituationPESR
MobilitätBeeinträchtigte körperliche MobilitätSchmerzen bei Belastung durch Kniearthrose, MuskelschwächeTransfer Bett zu Stuhl nur mit 1 Pflegekraft, NRS 6 von 10 beim Aufstehenkann kurz sicher stehen, motiviert, in den Speisesaal zu gehen
SturzrisikoSturzgefahrunsicheres Gangbild, nächtlicher Harndrang, Sturzangstentfällt bei Risikodiagnosenutzt Rollator, klingelt zuverlässig bei Bedarf
KörperpflegeSelbstversorgungsdefizit Körperpflegekognitive Einschränkung, eingeschränkte Armbeweglichkeitwäscht den Oberkörper nur unvollständig, beginnt nicht ohne Aufforderungwäscht Gesicht und Hände selbst bei schrittweiser Anleitung
SchmerzChronischer Schmerzdegenerative GelenkveränderungenSchonhaltung, Schmerzaussage NRS 5 von 10 am Morgen, zieht sich vom Gruppenangebot zurückkann Schmerzen benennen, Wärme lindert laut eigener Aussage
ErnährungUnzureichende Nahrungsaufnahmenachlassender Appetit, Kaubeschwerden bei schlecht sitzender Protheseisst weniger als die Hälfte der Portionen, Gewichtsverlust 2 kg in 4 Wochenisst gern Suppen und Süßspeisen, isst selbstständig mit Besteck
SchluckenAspirationsgefahrSchluckstörung nach Schlaganfallentfällt bei Risikodiagnosesitzt beim Essen aufrecht, isst langsam nach Anleitung

Weitere Formulierungen für Ressourcen, Risiken und Ziele finden Sie in den Formulierungshilfen für die Pflegeplanung.

Aktuelle Diagnose, Risikodiagnose, Gesundheitsförderung

Nicht jede Pflegediagnose braucht alle 4 Bausteine. Das hängt von der Art der Diagnose ab.

ArtBausteineBeispiel
Aktuelle (problemfokussierte) DiagnoseP, E, S, Rbeeinträchtigte körperliche Mobilität
RisikodiagnoseP und E (als Risikofaktoren), R. Das S entfällt, weil das Problem noch nicht eingetreten ist.Sturzgefahr, Dekubitusgefahr, Aspirationsgefahr
GesundheitsförderungsdiagnoseP und S (die geäußerte Bereitschaft), RBereitschaft für eine verbesserte Ernährung

Erfinden Sie bei Risikodiagnosen keine Symptome. Beschreiben Sie die Risikofaktoren so konkret wie Symptome, zum Beispiel „2 Stürze in 6 Wochen“ oder „Braden-Skala 12 Punkte“.

Von der PESR-Diagnose zu Zielen, Maßnahmen und Evaluation

Das PESR-Schema gehört zum 2. Schritt des Pflegeprozesses: Probleme und Ressourcen erkennen. Die 4 Bausteine geben die nächsten Schritte vor:

  • P und S beschreiben den Ausgangszustand. Das Ziel beschreibt, wie sich S verändern soll.
  • E zeigt, wo Maßnahmen ansetzen.
  • R zeigt, welche Maßnahmen alltagstauglich sind und was die Person selbst beiträgt.
  • In der Evaluation prüfen Sie, ob sich die Symptome aus der Diagnose verändert haben.

Beispiel: Bei beeinträchtigter Mobilität lautet das Ziel: „Herr M. schafft den Transfer Bett zu Stuhl in 4 Wochen mit Rollator und Anleitung durch 1 Pflegekraft sicher.“ Maßnahmen aus E: Schmerzmittel nach ärztlicher Anordnung vor der Mobilisation, Kraftübungen mit der Physiotherapie, feste Schuhe. Maßnahme aus R: Herr M. geht zu jeder Mahlzeit selbst in den Speisesaal.

PESR und SIS: Brauche ich PESR im Strukturmodell?

Das Strukturmodell mit der SIS verlangt keine formalen Pflegediagnosen. Die Pflegefachkraft schätzt die Situation in 6 Themenfeldern und in der Risikomatrix ein. Die Denkweise des PESR-Schemas hilft trotzdem: Wer Problem, Ursache, Beobachtung und Ressource sauber trennt, schreibt klarere Einschätzungen in den Themenfeldern und eine begründete Maßnahmenplanung.

Für Qualitätsprüfungen zählt, dass die Kette nachvollziehbar bleibt. Wer eine Aspirationsgefahr einschätzt, sollte die Beobachtungen dazu auch in der SIS, im Berichteblatt oder im Assessment dokumentiert haben. Wie Sie aus Assessmentdaten eine Pflegediagnose ableiten, zeigt der Beitrag Von Assessmentdaten zur NANDA-Pflegediagnose.

Häufige Fehler beim PESR-Schema

FehlerBeispielBesser
Medizinische Diagnose als Problem„Demenz, Hilfe beim Waschen“P: Selbstversorgungsdefizit Körperpflege, E: kognitive Einschränkung, S: wäscht den Oberkörper nur unvollständig, R: wäscht Gesicht und Hände bei Anleitung
Zu vages Problem„erhöhter Pflegebedarf“, „allgemein unruhig“ein konkretes Problem benennen, zum Beispiel „Sturzgefahr“ oder „akute Verwirrtheit“
Mehrere Probleme in einem SatzMobilität, Schmerz und Kognition in einer Diagnoseje Problem eine eigene PESR-Aussage
Symptome ohne Beleg„trinkt kaum“„Trinkmenge 700 bis 900 ml pro Tag laut Protokoll an 3 Tagen“
E passt nicht zu PSturzgefahr „bedingt durch Diabetes“den Weg benennen: „bedingt durch Schwindel bei schwankenden Blutzuckerwerten“
Ressourcen fehlen„Ressourcen: keine“konkrete Fähigkeiten und Hilfen nennen

Checkliste vor dem Eintrag

  • Beschreibt P ein Pflegeproblem und keine Krankheit?
  • Steht pro Aussage nur 1 Problem?
  • Erklärt E das Problem, und kann die Pflege daran ansetzen?
  • Sind die Symptome konkret, messbar und mit Zeitbezug?
  • Stehen die Symptome auch in SIS, Berichteblatt oder Assessment?
  • Sind Ressourcen genannt, die sich in Maßnahmen nutzen lassen?
  • Bei Risikodiagnose: Sind die Risikofaktoren konkret beschrieben?

PESR-Diagnosen digital dokumentieren

Die Grundlage jeder PESR-Aussage sind genaue Beobachtungen. Mit dexter.mobile dokumentieren Pflegekräfte ihre Beobachtungen per Sprache direkt nach dem Kontakt mit dem Bewohner. dexter.sis erstellt aus dem Bewohnergespräch einen Entwurf der SIS. Die fachliche Einschätzung und die Formulierung der Pflegediagnose bleiben bei der Pflegefachkraft.

Häufige Fragen zum PESR-Schema

Wofür steht PESR?

P steht für Problem, E für Einflussfaktoren oder Ursachen (ursprünglich englisch Etiology), S für Symptome und R für Ressourcen.

Was ist der Unterschied zwischen PES und PESR?

Das PES-Schema besteht aus Problem, Ätiologie und Symptomen. Das PESR-Schema ergänzt die Ressourcen. So lassen sich Ziele und Maßnahmen direkt auf den Fähigkeiten der Person aufbauen.

Wann entfällt das S?

Bei Risikodiagnosen. Das Problem ist noch nicht eingetreten, deshalb gibt es keine Symptome. An die Stelle von E treten die Risikofaktoren.

Wie finde ich das passende NANDA-Label?

Erheben Sie zuerst den Pflegebedarf systematisch, zum Beispiel mit der SIS oder nach ATL. Leiten Sie daraus Problem, Ursachen und Symptome ab. Wählen Sie dann den Diagnosetitel aus der NANDA-I-Klassifikation, dessen Definition und bestimmende Merkmale am besten zu Ihren Beobachtungen passen. Die aktuelle Ausgabe beschreibt der Beitrag NANDA-I 2024 bis 2026.

Wie viele Beobachtungen brauche ich für eine Diagnose?

Es gibt keine feste Zahl. Entscheidend ist, dass die Beobachtungen zusammenpassen, über einen ausreichenden Zeitraum erhoben wurden und die bestimmenden Merkmale der Diagnose abdecken.

Muss ich jede Routinemaßnahme mit PESR beschreiben?

Nein. PESR dient der Beschreibung von Pflegeproblemen. Routinen stehen in der Maßnahmenplanung. Im Strukturmodell dokumentieren Sie im Berichteblatt vor allem Abweichungen.

Quellen

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