3 Pflege-Lösungen gegen Fachkräftemangel

July 24, 2026

Pflegenotstand in Deutschland: inklusive WG in Kiel, Angehörigen-Schulungen und digitale Helfer zeigen 3 Wege für mehr Entlastung im Pflegealltag.

Drei Antworten auf den Fachkräftemangel in der Pflege – und was die stationäre Langzeitpflege daraus lernen kann

Primäre Leserperspektive: Entscheidungsträger in der stationären Langzeitpflege
Also insbesondere Einrichtungsleitungen, Pflegedienstleitungen, Qualitätsverantwortliche und Träger- bzw. Regionalmanagement.

Der Fachkräftemangel in der Pflege ist kein abstraktes Strukturproblem mehr. Er zeigt sich im Heimalltag als Zeitdruck, Ausfallmanagement, Dokumentationslast, unklare Prioritäten und die ständige Frage, wie Versorgung trotz knapper Personaldecke zuverlässig organisiert werden kann. Das Video "3 Pflege-Lösungen gegen Fachkräftemangel" zeigt dazu drei sehr unterschiedliche Ansätze: neue Wohnformen, die Entlastung durch Gemeinschaft organisieren, Schulungen für Angehörige, die Pflegekompetenz verbreitern, und digitale Assistenzsysteme, die Prozesse effizienter machen sollen.

Für die stationäre Langzeitpflege ist nicht jeder gezeigte Ansatz direkt übertragbar. Gerade deshalb lohnt sich die Analyse. Denn die eigentliche Frage lautet nicht: Kann ein Pflegeheim diese Beispiele eins zu eins übernehmen? Sondern: Welche Prinzipien dahinter helfen Einrichtungen, knappe Fachkraftressourcen wirksamer einzusetzen, ohne Qualität und Sicherheit zu gefährden?

Der zentrale Befund aus dem Video: Entlastung entsteht dort, wo Pflegearbeit anders verteilt, besser priorisiert und technisch oder sozial klüger unterstützt wird. Nicht jede Innovation spart sofort Personal. Aber sie kann Fachzeit schützen, Reaktionswege verkürzen und die Passung zwischen Bedarf und Einsatz verbessern.

Key Takeaways

  • Fachkräftemangel lässt sich nicht mit einer Einzellösung beantworten. Wirksam werden meist Kombinationen aus Prozessanpassung, Rollenklärung und Technik.
  • Digitale Dokumentation kann Zeit sparen, wenn Eingabe, Prüfung und Freigabe sauber in den Arbeitsablauf integriert sind.
  • Videokommunikation und Sensorik sind vor allem Priorisierungsinstrumente: Sie helfen, schneller einzuschätzen, wo sofortiges Handeln nötig ist.
  • Nicht jede Entlastung muss von examiniertem Personal kommen. Unterstützende Rollen, alltagsnahe Assistenz und soziale Mitwirkung können Fachkräfte von Nicht-Fachaufgaben entlasten.
  • Neue Konzepte scheitern oft nicht an der Technik, sondern an Einführung und Akzeptanz. Einarbeitung, Verantwortlichkeiten und Datenschutz müssen vor dem Rollout geklärt sein.
  • Für stationäre Einrichtungen ist der Übertragungswert am höchsten bei digitalen Lösungen und Aufgabenverschiebung im Alltag.
  • Qualitätsmanagement sollte Innovationen nicht nur auf "mehr Effizienz", sondern auf Versorgungssicherheit, Dokumentationsqualität und Mitarbeiterbelastung prüfen.
  • Ein realistischer erster Schritt ist kein Großprojekt, sondern ein klar begrenzter Pilottest mit messbaren Zielen.

Was das Video wirklich zeigt: drei Hebel statt drei Patentrezepte

Das Video arbeitet mit drei Schauplätzen: einer inklusiven WG in Kiel, einer Kinderkrankenpflege mit Angehörigenschulungen und einem Pflegezentrum mit digitaler Unterstützung. Diese Beispiele wirken auf den ersten Blick sehr verschieden. Auf der Ebene der Organisationslogik drehen sie sich jedoch um dieselben Hebel:

  1. Pflegefachkräfte werden von Aufgaben entlastet, die nicht zwingend Fachleistung sein müssen
  2. Kompetenz wird auf mehr Schultern verteilt
  3. Informationen kommen schneller an den richtigen Ort
  4. Versorgung wird stärker vom tatsächlichen Bedarf her organisiert

Gerade für Pflegeheime ist diese Sicht hilfreich. Denn stationäre Langzeitpflege kann den Arbeitsmarkt nicht kurzfristig entspannen. Sie kann aber ihre internen Systeme so gestalten, dass vorhandene Fachlichkeit dort ankommt, wo sie den größten Nutzen stiftet.

Lösung 1: Neue Wohn- und Unterstützungsmodelle – was Pflegeheime von der inklusiven WG lernen können

Im ersten Beispiel zeigt das Video eine inklusive Wohngemeinschaft, in der Menschen mit und ohne Behinderung zusammenleben. Unterstützende Mitbewohner übernehmen alltagsnahe Hilfen, während Fachkräfte die professionelle Begleitung absichern. Der Student im Beitrag leistet begrenzte Unterstützungsstunden und entlastet dadurch das Team.

Für die stationäre Langzeitpflege ist dieses Modell nicht direkt kopierbar. Ein Pflegeheim ist rechtlich, organisatorisch und hinsichtlich der Bewohnerstruktur anders aufgestellt. Dennoch steckt darin ein wichtiger Gedanke: Nicht jede relevante Tätigkeit im Wohnbereich ist eine pflegefachliche Tätigkeit.

Der übertragbare Kern: Alltagsunterstützung systematisch von Fachpflege trennen

In vielen Einrichtungen verschwimmen bis heute drei Ebenen:

  • pflegefachlich notwendige Leistungen
  • betreuerische und aktivierende Tätigkeiten
  • alltagsorganisatorische Unterstützung

Je unklarer diese Trennung ist, desto häufiger binden Fachkräfte Zeit in Aufgaben, die auch anders organisiert werden könnten. Das betrifft etwa:

  • Begleitung bei sozialen Aktivitäten
  • Unterstützung bei niedrigschwelligen Alltagsroutinen
  • Präsenz und Ansprache in Gemeinschaftsbereichen
  • einfache organisatorische Hilfen im Wohnalltag

Das heißt nicht, pflegerische Aufgaben zu entwerten oder Verantwortung zu verlagern, wo sie nicht hingehört. Es bedeutet vielmehr: Fachkraftzeit ist zu wertvoll, um sie durch unscharfe Rollenmodelle zu verlieren.

Managementfrage für stationäre Einrichtungen

Entscheider sollten prüfen:

  • Welche Tätigkeiten auf dem Wohnbereich erfordern tatsächlich Fachkompetenz?
  • Wo entstehen verdeckte Zeitverluste durch ungeklärte Zuständigkeiten?
  • Welche Aufgaben können Betreuung, Hauswirtschaft, zusätzliche Servicefunktionen oder qualifizierte Assistenz übernehmen?
  • Wie wird sichergestellt, dass Entlastung nicht zu Schnittstellenproblemen führt?

Der WG-Ansatz aus dem Video erinnert daran, dass soziale Teilhabe, Alltagsnähe und Entlastung nicht automatisch mehr Pflegepersonal bedeuten müssen. Sie erfordern aber ein tragfähiges Rollen- und Prozessdesign.

Lösung 2: Angehörige schulen – in der stationären Langzeitpflege kein Haupthebel, aber ein wichtiges Prinzip

Das zweite Beispiel stammt aus der ambulanten Kinderkrankenpflege. Eine Pflegekraft schult Angehörige individuell, damit sie im Alltag sicherer handeln können. Für stationäre Langzeitpflege ist das kein direktes Standardmodell, weil Pflegeheimbewohner in der Regel nicht primär durch Angehörige versorgt werden.

Trotzdem ist die dahinterliegende Logik hoch relevant: Versorgung wird stabiler, wenn Wissen nicht nur bei einzelnen Profis liegt, sondern verständlich, anwendungsbezogen und situationsnah vermittelt wird.

Was Pflegeheime daraus ableiten können

Für Pflegeheime liegt der Nutzen weniger in Angehörigenschulungen als in der Frage: Wie gut gelingt internes Praxislernen? In vielen Einrichtungen hängt sichere Durchführung noch stark von einzelnen erfahrenen Mitarbeitenden ab. Das ist unter Fachkräftemangel riskant.

Übertragbar sind insbesondere diese Prinzipien:

1. Anleitung muss alltagsnah sein

Im Video wird Wissen nicht abstrakt vermittelt, sondern direkt an realen Situationen. Genau das brauchen auch Teams im Heim:

  • kurze, konkrete Anleitungen am Bewohnerfall
  • verständliche Standards für wiederkehrende Situationen
  • gezielte Einweisungen bei seltenen, aber kritischen Abläufen

2. Menschen lernen unterschiedlich

Die Pflegeberaterin betont sinngemäß, dass man sich darauf einstellen muss, wie ein Mensch Informationen am besten versteht. Das gilt im Team genauso:

  • nicht jede Unterweisung wirkt über dieselbe Form
  • schriftliche Standards allein reichen oft nicht
  • visuelle, mündliche und praktische Formate ergänzen sich

3. Handlungssicherheit entlastet

Wer in kritischen Situationen weiß, was zu tun ist, arbeitet ruhiger, schneller und sicherer. Das betrifft in Heimen z. B.:

  • Beobachtung und Weitergabe von Veränderungen
  • Notfallsituationen
  • Lagerungs- und Mobilisationsabläufe
  • Umgang mit Hilfsmitteln
  • Maßnahmen bei Dekubitus-, Sturz- oder Exsikkoserisiko

Qualitätsrelevanter Punkt

Für Qualitätsverantwortliche ist dieser Aspekt zentral: Kompetenzverteilung ist auch eine Frage der Dokumentationsqualität. Wenn Mitarbeitende fachliche Beobachtungen nicht sicher einordnen oder sprachlich unklar dokumentieren, leidet nicht nur die Nachvollziehbarkeit, sondern die gesamte Steuerungsfähigkeit der Einrichtung.

Das Video sagt damit indirekt etwas sehr Wichtiges für die Langzeitpflege: Entlastung entsteht auch durch gute Befähigung. Wer weniger Rückfragen produziert, sicherer beobachtet und verständlicher dokumentiert, reduziert Reibung im System.

Lösung 3: Digitale Helfer – der unmittelbarste Hebel für stationäre Einrichtungen

Am direktesten anschlussfähig für Pflegeheime ist der dritte Teil des Videos: digitale, sprachgesteuerte Dokumentation, Videokommunikation zwischen Bewohnerzimmer und Pflegepersonal sowie Sensorik zur Erkennung bestimmter Ereignisse.

Hier liegt für die stationäre Langzeitpflege der größte praktische Nutzen – aber auch das größte Risiko für Fehlinvestitionen.

Sprachgesteuerte Dokumentation: Entlastung nur mit sauberem Prozess

Im Video nutzt eine Pflegekraft eine sprachgesteuerte Dokumentation, etwa zur Erfassung von Vitalwerten. Der offensichtliche Vorteil: Informationen werden direkt im Arbeitsprozess festgehalten, ohne zusätzliche Wege, Papiernotizen oder spätere Nacherfassung.

Das ist für Pflegeheime attraktiv, weil genau an dieser Stelle oft Zeit verloren geht:

  • Beobachtungen werden zunächst nur gemerkt oder handschriftlich notiert
  • Werte werden später übertragen
  • Einträge bleiben unvollständig
  • Medienbrüche erzeugen Fehlerquellen

Der reale Nutzen für Einrichtungen

Sprachgestützte Dokumentation kann insbesondere dann helfen, wenn sie:

  • nah an der Versorgungssituation funktioniert
  • wenige Bedienhürden hat
  • strukturierte Ergebnisse im richtigen Formular erzeugt
  • verlässliche Prüf- und Freigabeprozesse bietet

Im Video muss die Pflegekraft Einträge innerhalb einer bestimmten Frist prüfen und freigeben, sonst gehen sie verloren. Genau hier wird deutlich: Technik spart nicht automatisch Aufwand, sie verschiebt ihn.

Was Entscheider prüfen sollten

Vor einer Einführung sind diese Fragen wichtiger als die reine Produktfunktion:

  • In welchen Dokumentationssituationen entsteht heute der größte Zeitverlust?
  • Welche Inhalte eignen sich für Spracheingabe, welche nicht?
  • Wie läuft die fachliche Prüfung und Freigabe?
  • Was passiert bei Erkennungsfehlern, Dialekten, Nebengeräuschen oder Unterbrechungen?
  • Welche Regeln gelten für Korrekturen?
  • Wie werden Datenschutz und Vertraulichkeit gesichert?

Wenn diese Punkte nicht sauber geklärt sind, kann aus "digitaler Entlastung" schnell zusätzliche Korrekturarbeit werden.

Videokommunikation: weniger Laufwege, bessere Priorisierung

Im Pflegezentrum des Videos wird ein System getestet, über das Bewohner und Pflegekräfte per Bildschirm miteinander Kontakt aufnehmen können. Für den stationären Alltag ist das interessant, weil Rufauslösungen oft dieselbe Unsicherheit erzeugen: Was ist passiert, wie dringend ist es, und wer muss zuerst wohin?

Videokommunikation kann genau an dieser Stelle helfen.

Mögliche Vorteile im Heimalltag

  • Ersteinschätzung vor dem Betreten des Zimmers
  • bessere Priorisierung paralleler Rufe
  • Beruhigung des Bewohners durch schnelle Reaktion
  • weniger unnötige Wege bei nicht-dringlichen Anliegen
  • Unterstützung in Situationen, in denen Personal gerade gebunden ist

Entscheidend ist: Solche Systeme ersetzen keine persönliche Zuwendung. Aber sie können Reaktionskompetenz sichtbar machen, noch bevor jemand physisch im Zimmer ist.

Wo der Nutzen realistisch ist

Besonders sinnvoll kann das sein bei:

  • großen Wohnbereichen mit langen Wegen
  • häufigen Rufauslösungen ohne akuten Interventionsbedarf
  • Bewohnern, die Sicherheit durch rasche Ansprache gewinnen
  • nächtlichen Situationen mit geringer Personalstärke

Kritische Grenzen

Ein solches System wirft jedoch Fragen auf, die Einrichtungen vorab beantworten müssen:

  • Wird die Technik von Bewohnern akzeptiert?
  • Wie wird Einwilligung geregelt?
  • Wann ist Video angemessen, wann nicht?
  • Wie wird Missbrauch vermieden?
  • Welche Räume und Situationen sind ausgeschlossen?
  • Wie verhindert man, dass aus Kommunikation Überwachung wird?

Für stationäre Träger ist das keine Nebensache. Gerade bei vulnerablen Bewohnergruppen hängt die Akzeptanz digitaler Lösungen stark davon ab, ob sie als Hilfe oder als Kontrollinstrument erlebt werden.

Sensorik: interessant für Sicherheit und Priorisierung, aber kein Selbstläufer

Das Video zeigt zudem Sensoren, die etwa einen Sturz oder auffällige Situationen am Bett erkennen sollen. Technisch wirkt das plausibel: Wenn ein Ereignis erkannt wird, kann das System alarmieren und der Pflegedienst schneller einschätzen, ob unmittelbarer Handlungsbedarf besteht.

Für die stationäre Langzeitpflege ist das prinzipiell relevant, vor allem in Bezug auf:

  • Sturzereignisse
  • Bettaufstehversuche
  • ungewöhnliche Inaktivität
  • Veränderungen von Lagerung oder Belegung

Der eigentliche Mehrwert liegt nicht im Sensor, sondern in der Priorisierung

Viele Einrichtungen diskutieren Sensorik mit der stillen Hoffnung, personelle Lücken auszugleichen. Das greift zu kurz. Der stärkste Nutzen liegt meist woanders:

  • kritische Ereignisse werden schneller erkannt
  • unnötige Kontrollgänge können reduziert werden
  • begrenzte Ressourcen werden gezielter eingesetzt
  • Reaktionszeiten werden transparenter

Anders gesagt: Sensorik ist eher ein Steuerungswerkzeug als ein Personenersatz.

Worauf Träger und Leitungen achten müssen

Bevor investiert wird, sollten Einrichtungen mindestens diese Punkte klären:

Fachliche Eignung

  • Für welche Bewohnergruppen ist das System sinnvoll?
  • Welche Ereignisse werden zuverlässig erkannt?
  • Wie hoch ist die Fehlerquote laut Praxiserfahrung?
    Im Video: nicht spezifiziert

Organisatorische Einbindung

  • Wer empfängt Alarme?
  • Nach welchen Regeln werden sie priorisiert?
  • Wie wird dokumentiert, dass reagiert wurde?
  • Was passiert bei technischen Ausfällen?

Datenschutz und Ethik

  • Welche Daten werden erhoben?
  • Werden Bilder, Bewegungsdaten oder Zustandsdaten gespeichert?
  • Wie werden Einwilligungen und Vertretungsregelungen umgesetzt?
  • Wie wird der Eingriff in die Privatsphäre begründet?

Wirtschaftlichkeit

Das Video nennt grobe Kostenrahmen je nach Ausstattung sowie laufende Betriebskosten. Für stationäre Einrichtungen reicht das als Entscheidungsgrundlage nicht aus. Benötigt werden zusätzlich:

  • Installationsaufwand
  • Schnittstellenkosten
  • Schulungsaufwand
  • Supportmodell
  • Lebensdauer und Wartung
  • Aufwand durch Fehlalarme

Die wichtigste Erkenntnis für PDL und Einrichtungsleitung: Entlastung ist ein Prozessdesign-Thema

Alle drei Beispiele des Videos haben einen gemeinsamen Nenner: Sie reorganisieren Knappheit. Nicht mit einem simplen "mehr machen", sondern durch andere Zuständigkeiten, schnellere Informationswege und bedarfsnähere Unterstützung.

Das ist für die stationäre Langzeitpflege besonders relevant, weil Fachkräftemangel dort häufig in vier Engpässen spürbar wird:

  1. Zu viel Fachzeit geht in indirekte Tätigkeiten
  2. Informationen kommen zu spät oder unvollständig an
  3. Prioritäten werden im Tagesgeschäft situativ statt systematisch gesetzt
  4. Neues wird eingeführt, ohne die Arbeitsrealität ausreichend mitzudenken

Wenn man das ernst nimmt, lautet die Managementaufgabe nicht nur "Personal gewinnen", sondern auch:

  • Fachkraftzeit schützen
  • Dokumentationsprozesse verschlanken
  • Aufgaben sauber zuschneiden
  • Technik nur dort einsetzen, wo sie spürbar Reibung reduziert
  • Teams sicher in neue Abläufe führen

Was Einrichtungen jetzt konkret prüfen können

Statt sofort große Innovationsprogramme aufzusetzen, ist für die stationäre Langzeitpflege ein nüchterner Prüfrahmen sinnvoll.

1. Zeitverluste sichtbar machen

Vor jeder Lösung sollte klar sein, wo im Alltag Entlastung überhaupt gebraucht wird:

  • Dokumentation
  • Rufmanagement
  • Laufwege
  • nächtliche Kontrollroutinen
  • Schnittstellen zwischen Pflege, Betreuung und Hauswirtschaft
  • Einarbeitung neuer Mitarbeitender

Ohne diese Transparenz kauft man leicht Technik für das falsche Problem.

2. Aufgaben sauber differenzieren

Leitungen sollten den Wohnbereich daraufhin analysieren:

  • Was ist Fachpflege?
  • Was ist Assistenz?
  • Was ist Betreuung?
  • Was ist organisatorischer Nebenaufwand?

Hier liegen oft größere Reserven als in jeder Einzelmaßnahme.

3. Pilotieren statt flächig ausrollen

Gerade digitale Lösungen sollten zunächst begrenzt getestet werden:

  • auf einem Wohnbereich
  • mit definiertem Nutzerkreis
  • mit klarer Erfolgsmessung
  • über einen ausreichend langen Zeitraum

Mögliche Messgrößen:

  • Dokumentationszeit
  • Reaktionszeit bei Rufauslösungen
  • Zahl unnötiger Wege
  • Mitarbeiterakzeptanz
  • Fehlerrate oder Nachbearbeitungsbedarf

4. Qualität und Datenschutz gemeinsam denken

Ein häufiger Fehler ist, technische Einführung als IT-Thema zu behandeln. In Wirklichkeit ist sie mindestens ebenso:

  • ein Pflegeprozess-Thema
  • ein Qualitätsmanagement-Thema
  • ein Schulungsthema
  • ein Datenschutzthema

Nur wenn diese Perspektiven zusammengeführt werden, entsteht eine tragfähige Lösung.

5. Mitarbeitende früh beteiligen

Das Video zeigt an mehreren Stellen indirekt, dass Akzeptanz entscheidend ist. Neue Systeme werden nur dann entlastend erlebt, wenn Mitarbeitende verstehen:

  • welchen Nutzen sie im Alltag bringen
  • was genau von ihnen erwartet wird
  • wo Grenzen und Verantwortlichkeiten liegen

Gerade langjährig erfahrene Pflegekräfte sind hier keine Bremse, sondern oft die besten Realitätsprüfer.

Ein kritischer Blick: Was das Video aus Sicht der stationären Langzeitpflege offenlässt

So inspirierend die Beispiele sind, einige für Entscheider wichtige Fragen bleiben unbeantwortet:

  • Wie stark reduzieren die Lösungen tatsächlich messbar den Personalaufwand?
  • Welche Nebenaufwände entstehen durch Einführung, Schulung und Störungsmanagement?
  • Wie wirken sich die Systeme auf Dokumentationsqualität und Haftung aus?
  • Welche Bewohnergruppen profitieren, welche eher nicht?
  • Wie stabil ist die Nutzung nach der Einführungsphase?
  • Welche rechtlichen und datenschutzrechtlichen Anforderungen mussten konkret gelöst werden?
    Nicht spezifiziert im Video.

Für professionelle Entscheidungen in der Langzeitpflege reicht Inspiration allein nicht. Man braucht belastbare Kriterien. Das Video liefert dafür keine vollständige Wirtschaftlichkeits- oder Qualitätsbewertung, wohl aber wertvolle Denkanstöße.

Fazit: Der wirksamste Weg aus dem Mangel ist nicht "mehr von allem", sondern klügere Organisation

Die drei gezeigten Lösungswege machen deutlich: Der Fachkräftemangel in der Pflege verlangt keine einzelne Wunderlösung, sondern eine neue Architektur von Arbeit. Für stationäre Langzeitpflege bedeutet das vor allem:

  • Fachkräfte gezielt dort einsetzen, wo Fachlichkeit den größten Unterschied macht
  • nicht-fachliche Aufgaben konsequenter anders organisieren
  • digitale Werkzeuge als Prozesshilfe statt als Symbol der Modernisierung einsetzen
  • Wissen, Handlungssicherheit und Verantwortlichkeiten systematisch stärken

Am unmittelbarsten anschlussfähig sind für Pflegeheime die digitalen Ansätze aus dem Video. Am strategisch wichtigsten ist jedoch die übergreifende Erkenntnis: Entlastung entsteht nicht durch Technik allein, sondern durch gute Prozesse, klare Rollen und eine Einführung, die den Pflegealltag wirklich versteht.

Wer das ernst nimmt, gewinnt vielleicht nicht sofort mehr Personal. Aber er schafft etwas, das unter Fachkräftemangel fast genauso wertvoll ist: mehr Verlässlichkeit, bessere Priorisierung und mehr wirksame Zeit für Pflege.

Source: "Herausforderungen und Lösungen in der Pflege | Die Nordreportage | NDR Doku" - NDR Doku, YouTube, Jan 9, 2025 - https://www.youtube.com/watch?v=hcuch6Wx1a8

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