
Praktischer Leitfaden für Pflegekräfte: Welche klaren, messbaren Angaben vor einem Arztanruf in der Langzeitpflege nötig sind.
Vor einem Arztanruf in der stationären Langzeitpflege halte ich die Angaben bereit, die eine ärztliche Einschätzung am Telefon sofort möglich machen: wer betroffen ist, was sich verändert hat, seit wann, welche objektiven Befunde vorliegen, welche Risiken bekannt sind und was bereits erfolgt ist. So lassen sich Rückfragen, Zeitverlust und unnötige Einweisungen eher vermeiden.
Statt ungenauer Aussagen nenne ich beobachtbare Daten. Nicht „ist schlechter“, sondern zum Beispiel: „seit 14:30 Uhr schläfriger, RR 95/60 mmHg, Puls 112/min, heute bisher etwa 400 ml getrunken, Schleimhäute trocken.“
Für den Alltag reicht mir oft diese Reihenfolge:
Je nach Situation verschieben sich die Schwerpunkte:
Auch die telefonische Anordnung halte ich direkt fest: Uhrzeit, ärztlicher Name, Inhalt der Anordnung, Dosierung, Häufigkeit, Dauer, Applikationsweg und vereinbarte Kontrollen. Mündliche Anordnungen wiederhole ich im Gespräch zur Absicherung.
Wenn ich es auf einen Punkt bringe, dann diesen: Der Arzt braucht keine langen Erklärungen, sondern klare, messbare und zeitlich eingeordnete Informationen.
Ein Arztanruf in der stationären Langzeitpflege wirkt auf den ersten Blick einfach. In der Praxis ist er oft anspruchsvoll. Ärztinnen und Ärzte sind selten vor Ort und stützen ihre Entscheidung deshalb auf genaue pflegerische Beobachtungen.[1][5]
Unvorbereitete Telefonate führen häufig zu Rückfragen, Rückrufen und vermeidbarem Zeitverlust.[4][5] Wenn Angaben fehlen, steigt zudem das Risiko, dass Bewohnerinnen und Bewohner vorschnell ins Krankenhaus eingewiesen werden.
Dieser Leitfaden richtet sich an Pflegefachkräfte und Pflegeleitungen in der stationären Langzeitpflege. Er zeigt, welche Informationen vor einem Arztanruf bereitliegen sollten, wie eine klare Gesprächsstruktur den Ablauf erleichtert und wie sich typische Situationen – etwa ein Sturz oder eine Wundveränderung – sicher und präzise mitteilen lassen. Zunächst geht es um die Angaben, die vor dem Anruf bereitliegen müssen.
Vor dem Anruf sollten Anlass, Messwerte und medizinischer Hintergrund vorliegen. Das spart Rückfragen und hilft, die Lage zügig einzuordnen. Zuerst zählt der Auslöser mit Zeitpunkt. Danach folgt die sachliche Einordnung.
Der Arzt braucht vor allem drei Angaben: Was ist passiert, seit wann, und was weicht vom gewohnten Zustand ab?
Gerade bei Bewohnerinnen und Bewohnern mit Demenz ist der Abgleich mit dem individuellen Ausgangszustand wichtig. Eine neu aufgetretene Unruhe oder die Ablehnung von Nahrung kann dort das einzige sichtbare Zeichen einer ernsteren Veränderung sein. Der Zeitpunkt des ersten Auftretens hilft dem Arzt, die Dringlichkeit einzuschätzen und den Verlauf nachzuvollziehen.
Danach folgen die Messwerte. Sie stützen die Einschätzung.
Dazu gehören Blutdruck (systolisch/diastolisch), Puls, Körpertemperatur und bei Diabetikerinnen und Diabetikern der Blutzucker. Wenn ein Wert vorliegt, sollte auch die Sauerstoffsättigung (SpO₂) genannt werden.
Wichtig sind außerdem Beobachtungen zu Bewusstsein und Orientierung, zur Schmerzintensität nach einer anerkannten Skala sowie zu Beschwerden wie Atemnot, Brustschmerz, Schwindel oder Sehstörungen. Bei Verdacht auf Schlaganfall müssen die Ergebnisse des FAST-Tests sofort genannt werden. Bei Verdacht auf Exsikkose sind Urinfarbe, Urinmenge, Gewichtsentwicklung und Hautturgor wichtige Befunde.
Erst zusammen mit Diagnosen, Medikation und bereits erfolgten Maßnahmen ergibt sich ein klares Bild.
Der dritte Block umfasst den medizinischen Kontext: Hauptdiagnosen, bekannte Risiken wie Antikoagulation oder Herzinsuffizienz, die aktuelle Medikation mit letzten Änderungen sowie dokumentierte Allergien. Auch der letzte Arztbrief, etwa nach einem Krankenhausaufenthalt, sollte greifbar sein. Er enthält oft aktuelle Medikationsänderungen und Unverträglichkeiten [1].
Dazu kommen die bereits eingeleiteten Pflegemaßnahmen: Was wurde getan – zum Beispiel Lagerung, Flüssigkeitsgabe oder eine Bedarfsmedikation – und welche Wirkung wurde beobachtet? Das hilft, doppelte Anordnungen zu vermeiden. Zugleich sieht der Arzt, wie die Situation bisher auf die Maßnahmen reagiert hat.
SBAR-Checkliste: Arztanruf in der Langzeitpflege vorbereiten
Wenn Anlass, Befunde und Hintergrund vorliegen, hilft SBAR, den Arztkontakt knapp und vollständig zu ordnen.
SBAR – Situation, Hintergrund, Einschätzung, Empfehlung – gibt dem Gespräch eine feste Reihenfolge [4]. Das Schema passt für Telefonate, persönliche Übergaben und schriftliche Nachrichten.
Am Anfang reicht ein kurzer Einstieg: Wer meldet sich? Um wen geht es? Was ist das akute Problem? Danach nennen Sie den passenden Hintergrund, zum Beispiel Diagnosen und relevante Medikation. Anschließend folgt die pflegerische Einschätzung: Welche Symptome liegen vor, wie stabil ist die Bewohnerin oder der Bewohner? Zum Schluss benennen Sie klar, welche ärztliche Entscheidung jetzt gebraucht wird – etwa eine Verordnung, ein Hausbesuch oder die Alarmierung des Rettungsdienstes [4][2].
Der Ablauf endet nicht mit dem Telefonat. Die ärztliche Anordnung muss direkt dokumentiert werden.
Dokumentieren Sie das Gespräch sofort und nicht erst am Schichtende. Festgehalten werden sollten [2]:
Mündliche oder telefonische Anordnungen sollten Sie noch im Gespräch zur Kontrolle wiederholen. So lassen sich Übertragungsfehler vermeiden [1][2]. Bei Bedarfsmedikation ist es besonders wichtig, Schwellenwert, Dosierung, Häufigkeit und Dauer klar zu notieren [2].
Welche Angaben wichtig sind, richtet sich nach dem Anlass. In der Praxis treten vor allem drei Situationen häufig auf. Innerhalb von SBAR verschieben sich die Punkte je nachdem, worum es gerade geht.
Nennen Sie zuerst den genauen Zeitpunkt. Sagen Sie auch, ob der Sturz beobachtet oder unbeobachtet war. Beschreiben Sie den Hergang so genau wie möglich: gestolpert, ausgerutscht oder ohne erkennbaren Auslöser.
Danach folgen die körperlichen Befunde. Dazu gehören sichtbare Verletzungen, Blutungen, Ort und Stärke der Schmerzen auf einer Skala sowie die Frage, ob der Kopf aufgeschlagen ist. Bei Kopfkontakt prüfen Sie sofort Bewusstsein, Orientierung und FAST-Zeichen. FAST steht für typische Hinweise auf einen Schlaganfall. Messen Sie außerdem Blutdruck und Puls und vergleichen Sie die Werte mit dem Ausgangswert.
Für den medizinischen Hintergrund sind eine aktuelle Antikoagulation und andere passende Vorerkrankungen wie Diabetes oder Parkinson wichtig. Ergänzen Sie den Mobilitätsstatus und den kognitiven Ausgangsstatus vor dem Sturz sowie bereits eingeleitete Erstmaßnahmen. Diese Angaben helfen bei der Entscheidung, ob Beobachtung, Hausbesuch oder eine Notfallreaktion nötig ist.
Bei einer plötzlichen Verschlechterung braucht die Ärztin oder der Arzt zuerst die Vitalwerte: Blutdruck, Puls, Körpertemperatur und bei Bewohnerinnen und Bewohnern mit Diabetes den aktuellen Blutzucker. Dazu kommen Veränderungen des Bewusstseins, etwa starke Schläfrigkeit oder neu aufgetretene Verwirrtheit, sowie Atemnot oder ein verändertes Atemmuster.
Bei Schmerzen nennen Sie Ort, Stärke, Beginn, Bedarfsmedikation und Wirkung. Bei Exsikkoseverdacht – also dem Verdacht auf einen Flüssigkeitsmangel – gehören Trinkmenge, Urinausscheidung und andere Zeichen des Flüssigkeitsmangels dazu. Beschreiben Sie außerdem, seit wann sich die Lage verändert hat und wie schnell die Veränderung eingetreten ist.
Halten Sie den aktuellen Medikamentenplan bereit. Neue Beschwerden können auch mit Arzneimitteln zusammenhängen. So lässt sich besser einordnen, ob Beobachtung, eine Anpassung der Therapie oder eine sofortige Eskalation angezeigt ist.
Beschreiben Sie die Wunde anhand von fünf Punkten:
Fieber sollte immer mit genannt werden. Es kann auf eine Ausbreitung der Infektion hinweisen.
Ergänzen Sie den Wundverlauf, die aktuell verwendete Wundauflage und die Häufigkeit des Verbandwechsels. Relevante Komorbiditäten wie Diabetes mellitus wirken sich auf die Heilung aus und beeinflussen damit die ärztliche Entscheidung. Wundauflagen und Verbandwechsel sollten so dokumentiert sein, dass die ärztliche Anordnung klar nachvollziehbar bleibt.
Wenn möglich, fügen Sie ein aktuelles Foto aus dem Wundprotokoll hinzu. Das senkt Rückfragen und erleichtert die Entscheidung. So kann die Ärztin oder der Arzt die nächste Wundversorgung ohne weitere Rücksprache anordnen.
Nach den typischen Pflegesituationen hilft diese Checkliste, den Arztanruf kurz und vollständig vorzubereiten.
Nennen Sie zuerst die Pflichtangaben. Danach folgen die Angaben, die zum Anlass passen. So kommt die Ärztin oder der Arzt schneller zum Punkt und Rückfragen werden weniger.
Genaue Angaben sparen Zeit. Sie helfen der ärztlichen Seite, die Lage rasch einzuordnen und eine passende Anordnung zu treffen.
| Vage Formulierung | Präzise Alternative | Nutzen |
|---|---|---|
| „Trinkt sehr wenig." | „Flüssigkeitszufuhr 450 ml in den letzten 24 Stunden, Urin dunkel und konzentriert." | Quantifiziert das Exsikkoserisiko. |
| „Schmerzen haben zugenommen." | „Schmerz rechte Hüfte, 8/10 auf der VAS, tritt nur bei Mobilisation auf." | Ermöglicht gezielte Analgesie oder Bildgebung. |
| „Blutzucker ist hoch." | „Aktueller Blutzucker (BZ) 280 mg/dl, Ausgangswert um 8:00 Uhr 140 mg/dl." | Zeigt Verlauf und Ausmaß der Entgleisung. |
Dokumentieren Sie die Anordnung direkt im Anschluss mit Uhrzeit, Name und Inhalt. Das schafft Klarheit im Team und senkt das Risiko, dass später etwas fehlt.
Damit diese Angaben im Alltag verlässlich vorliegen, braucht es klare Zuständigkeiten und feste Abläufe. Ein Informationsstandard für Arztanrufe funktioniert nur, wenn die Pflegeleitung den Rahmen klar vorgibt.
Die Pflegeleitung legt fest, wer den Arzt kontaktiert. Meist sollten Pflegefachkräfte mit Fallverantwortung diese Aufgabe übernehmen, weil sie die Lage fachlich einordnen können [1].
Genauso wichtig ist die Frage, wann angerufen wird. Dafür braucht das Team eine einfache, einheitliche Eskalationslogik.
| Situation | Maßnahme | Beispielkriterium |
|---|---|---|
| Medizinischer Notfall | Notruf 112 | RR ≥ 180/120 mmHg mit Brustschmerz, Lähmung oder Verwirrtheit [2] |
| Dringende Situation | Arzt kontaktieren | RR ≥ 180/120 mmHg ohne akute Symptome; Exsikkose mit wiederholtem Flüssigkeitsdefizit > 500 ml/Tag [2][3] |
| Beobachtung ohne akuten Handlungsbedarf | Dokumentation, ggf. schriftliche Nachricht im internen System | Leichter Husten |
Schulungen sollten diese Schwellen an typischen Situationen einüben, etwa bei Sturz, akuter Verschlechterung oder bei Verdacht auf Exsikkose.
So wichtig wie die Entscheidung zum Anruf ist die direkte und saubere Dokumentation.
Jeder Arztkontakt gehört sofort mit Uhrzeit, Name und Inhalt in das bestehende Dokumentationssystem. Die Folgeschicht muss die Information ohne Suchen finden können.
Beobachtungen, die keinen direkten Anruf brauchen, gehören direkt in die bestehende Pflegedokumentation – geordnet nach den üblichen Dokumentationsfeldern, zum Beispiel Mobilität oder Kognition [2]. So können Ärztinnen und Ärzte Verläufe einsehen, ohne dass ein Telefonat nötig ist.
Bei Vitalwerten gehören Uhrzeit, Messarm und Körperposition immer dazu [2]. Nicht dringende Rückmeldungen, Wundfotos und formale Unterlagen gehen in die vorgesehenen digitalen Kommunikationswege. So liegen die Angaben für den Arzt rechtzeitig, vollständig und nachvollziehbar vor.
Bei potenziell lebensbedrohlichen Situationen ist sofort der Notruf zu wählen. Auch bei akuten Notfällen oder bei Verdacht auf eine schwere Exsikkose ist umgehend ärztliche Hilfe nötig.
Ist der behandelnde Hausarzt nicht zeitnah erreichbar oder kann er in dringenden Fällen keinen Hausbesuch leisten, müssen der ärztliche Bereitschaftsdienst oder der Notarzt verständigt werden. Das Pflegepersonal ist verpflichtet, in Akutsituationen die notwendige ärztliche Hilfe zu veranlassen.
Bei Bewohnerinnen und Bewohnern mit Demenz ist die ärztliche Einschätzung oft erschwert. Schmerzen, Schwindel oder andere Beschwerden werden nicht immer klar benannt. Umso wichtiger sind genaue Beobachtungen von Verhaltensänderungen. Sie können auf körperliche Beschwerden oder akute Entgleisungen hinweisen.
Hilfreich sind zudem Angaben zur Ausgangslage und zu Veränderungen im Verlauf, zum Beispiel nach einem Sturz. Auch biografische Informationen und validierende Ansätze unterstützen die Einschätzung. Bei Verdacht auf ein Delir ist die Abgrenzung zu anderen Symptomen besonders wichtig.
Telefonische Anordnungen sollten sofort und genau in der Pflegedokumentation festgehalten werden. So bleiben sie auch für die folgenden Schichten nachvollziehbar.
Dokumentieren Sie den Anlass der Kontaktaufnahme, die konkrete ärztliche Anordnung und bei Änderungen der Medikation auch Dosierung, Verabreichungsbedingungen und das Zeitfenster. Halten Sie außerdem fest, wann die Ärztin oder der Arzt informiert wurde, inklusive Zeitstempel.
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